Gedächtniskultur: „Erinnern ist nicht per se gut“

Aleida Assmann und Heidemarie Uhl erklären, wieso sich die Gesellschaft erst ab 1985 an das Ende des Zweiten Weltkriegs zu erinnern begann.

kreuz und quer ´Das Gehirn und ich´
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kreuz und quer ´Das Gehirn und ich´
(c) ORF (Langbein & Skalnik)

Die Presse: Gemeinsam hielten Sie in Alpbach ein Seminar zum Thema „Kollektives Gedächtnis“. Wie sind Sie beide auf Ihren Forschungsschwerpunkt Erinnerungskultur gekommen?

Aleida Assmann: Am Anfang unseres Interesses – und mit uns meine ich stets auch meinen Mann – stand die Tagung „Schrift und Gedächtnis“ 1979. Die Grundfrage war damals: Was bedeutet es, wenn eine schriftlose Gesellschaft ihr kulturelles Gedächtnis tradiert und auf Schrift umstellt? Das taten in der Zeit nämlich einige afrikanische Stämme. Wir hatten die These, Kulturen sind dadurch definiert, welche Medien sie benutzen. Das war für uns die Schlüsselentdeckung. Es ging nicht nur um Schriftlichkeit und Mündlichkeit, es ging auch um neue Medien. Irgendwann fiel uns auf, dass das Erinnern auch uns betrifft, mit uns als Deutschen zu tun hat. Wir lebten in einer Gesellschaft in Westdeutschland, wo ab den 1980er-Jahren das Gedenken begann. Wir merkten, wir sind mittendrin, wir können das Thema nicht ad acta legen.

Wie war das bei Ihnen, Frau Uhl?

Heidemarie Uhl: Natürlich war 1985 – also 40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – auch für mich wichtig. Und mit 1988 haben die sogenannten Schanierjahre begonnen, als das Gedächtnis überhaupt erst als Konzept definiert wurde. Ich bin ein Kind der Waldheim-Debatte und Teil der „Generation of Memory“, wie Jay Winter es nannte. Diese Zeit war für eine Generation der Zeithistoriker ein prägendes Erlebnis, plötzlich standen die bisher nicht erzählten Geschichten im Fokus. Dabei dachte man 1986 bis 1988 noch, das ist ein rein Österreich-zentriertes Thema. Erst später begriffen wir, dass dieses Aufbrechen der Silence ein europäisches Phänomen war.

 

Besonders viel Gedenken gibt es heuer: Nach 1814, 1914 geht es nun weiter mit der Erinnerung an den Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939, mit 25 Jahre Mauerfall, nächstes Jahr blicken wir 70 Jahre zurück auf 1945. Ist das Zufall, oder ist das so, dass wir ständig umgeben sind von solchen Tagen?

Assmann: Zehn, 20, 30 Jahre nach 1945 wurde erinnerungstechnisch noch nicht viel unternommen. Feierwürdig wurde es erstmals 1985. Weil da eine neue Generation herangewachsen war, der man ein neues Narrativ anbieten konnte. Es hieß nicht mehr, wir erinnern uns an eine Niederlage, sondern wir feiern die Befreiung. Das hätte man mit den Soldaten, die damals eine Niederlage erlitten hatten und gleich auch in die Gefangenschaft kamen, nicht machen können. Der große Memory-Boom entstand in den 1980er-Jahren und wurde ganz stark verkoppelt mit der Medienkultur.

Auch der Journalismus lebt vom Erinnern, das sieht man auch in der jüngeren Vergangenheit und rund um Ereignisse wie 9/11, Fukushima, an die man sich schon ein, fünf oder zehn Jahre später danach erinnert. Wie gefällt Ihnen das?

Assmann: Menschen, die sagen, das sei nicht gut, denn Erinnerung sei etwas Spontanes, kann ich nicht folgen. Man muss sich schon Termine setzen; wenn man das nicht tut, kommt es nicht dazu. Medien haben auch die große Aufgabe, eine Erinnerung wieder zu reaktivieren und so aufzubereiten, dass die Gesellschaft daran teilnehmen kann. Das heißt, alle haben den gleichen Zugang. Es synchronisiert sich die Erinnerung in der Gesellschaft.

Uhl: Synchronisierung ist das richtige Stichwort. Das ist die Rolle der Medien, zusätzlich aber auch die Pluralisierung, in dem unterschiedliche Meinungen und Perspektiven aufgebracht werden.

Assmann: Neuro-Theoretiker sagen uns, dass wir bei jedem Aufruf einer Sache diese überschreiben. So bleibt dann die neue Erinnerung bestehen, und die Ältere ist ausgelöscht. Das gilt auch sehr stark für die Medien. Das ist jedes Mal wie ein Update, und die Gesellschaft kann sich aussuchen, welcher Erinnerung sie folgen will. Mit 1914 haben wir die Chance, die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, die sehr stark national gepolt war, etwas auszubalancieren – und vielleicht auch zu entnationalisieren. Obwohl wir sehen, dass England sein Gedächtnis derzeit mithilfe des Ersten Weltkriegs renationalisiert. Da wird eine ganz deutliche Rückstufung gemacht: Der Zweite Weltkrieg ist nicht mehr interessant, der Erste wird zum prägenden Erlebnis für Großbritannien gemacht.

 

Kann man das eigentlich sagen: Erinnern wir uns richtig?

Assmann: Erinnern ist nicht per se etwas Gutes und Vergessen etwas Schlechtes. Wenn Vergessen Hass schüren heißt und Ressentiments aufleben lässt, dann ist das natürlich schlecht. Aber ein Vergessen, das all dies auslöscht, kann auch zu einer Abkühlung führen und zu einer Wende, die die Demokratie in Deutschland erst auch einmal festigen kann. Auf die Dauer ist das Vergessen keine gute Politik, weil die Opfer keine Anerkennung bekommen.

Uhl: Gedächtnis hängt sehr stark mit Identität zusammen. Es muss immer eine Antwort auf die Frage sein: Wer sind wir? – und eine Ressource für Handeln in der Gegenwart. Wir haben es auch mit gesellschaftlichen Resonanzen zu tun: Dinge, die niemanden interessieren, werden keinen Einfluss haben. Die Frage ist natürlich immer auch: Erinnern wozu? Was sind die pädagogischen Ziele? Sieht man sich den Umgang Österreichs mit 1914 an, sieht man, dass zum ersten Mal überhaupt die Frage nach Schuld aufgetaucht ist.

 

Kann das Erinnern uns davon abhalten, Kriege zu führen?

Assmann: Ich habe von einem Politologen gelernt, dass in gefestigten Demokratien die Kriegsbegeisterung abnimmt. Eine wichtige Zielsetzung wäre daher, dass es möglichst viele Demokratien gibt. Davon sind wir weit entfernt, und selbst in Europa haben wir wieder Tendenzen, die in andere Richtungen gehen und die Demokratien sich durch sehr rechtspopulistische Parteien wieder extrem nationalistisch aufheizen. Leider sind wir da nicht evolutionär in eine Richtung, sondern es geht immer hin und her. Wir haben jetzt so ein Metawissen über die Anfälligkeit von Krieg, dass man meinen könnte, wir können nicht mehr wie 1914 in einen Krieg taumeln. Dennoch starren wir im Moment mit Entsetzen in den Irak oder in den Gazastreifen und sehen, was da vor sich geht.

 

Wir haben heute so viele Erinnerungswerkzeuge, Fotografien, soziale Netzwerke. Hilft das beim Erinnern oder nicht?

Uhl: Eigentlich spricht man da sogar vom digitalen Vergessen.

 

Wie wird das die Erinnerung in 20, 30 Jahren verändern?

Uhl: Das ist vor allem ein ziemliches Verlustspiel. Sie müssen überlegen, was Historiker alles nicht mehr haben werden. Das Internet ist ein unglaublich flüchtiges Medium. Man kann nie sicher sein, dass eine Webseite, die sie heute anschauen wollen, noch da ist. Die Historiker der Zukunft werden viel weniger Content haben als wir es noch in der vordigitalen Zeit hatten.

Assmann: Das Stichwort der Archivare lauter hier: Langzeitstabilität. Das Papier war immer schon ungleich kürzer in der Langzeitstabilität als eine Bronzetafel oder Pergament. Jetzt haben wir die digitale Welt und ein neues Medium, das technologisch so anfällig ist, weil es immer wieder innovativ upgedatet wird. Damit besteht die Gefahr, dass mit jedem Update die frühere Technologie nicht mehr abrufbar ist. Es muss immer alles überschrieben werden, sonst können wir es nicht mehr über die Jahrhunderte retten.

ZUR PERSON

Aleida Assmann (*1947), seit 1993 Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Uni Konstanz. Ihr Forschungsschwerpunkt ist das kulturelle Gedächtnis, Erinnern und Vergessen. Verheiratet mit Jan Assmann (Ägyptologe), fünf Kinder. Zuletzt erschien „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ (2013, C. H. Beck).

Heidemarie Uhl (*1956) ist Historikerin und Germanistin. Seit 2001 am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Zuletzt erschien: „Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Polen und Österreich“ (Peter Lang Edition, 2013).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2014)

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