Von Struwwelpeter und Pippi Langstrumpf

Bilderbuchforschung. An der Uni Klagenfurt entsteht eine neue Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendliteraturforschung. Dort untersuchen Wissenschaftler, wie das Bilderbuch seine gesellschaftliche Stellung behauptet.

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Pippi Langstrumpf ´Pippi zieht in die Villa Kunterbunt ´
Pippi Langstrumpf ´Pippi zieht in die Villa Kunterbunt ´ – (c) ORF (-)

Seit Jahrhunderten nimmt das Bilderbuch eine zentrale Rolle in der Kinderkultur ein. An den massiven Veränderungen des Genres in den letzten Jahrzehnten lassen sich für Forscher gesellschaftliche Entwicklungen – im wahrsten Sinn des Wortes – ablesen.

Wichtigstes Novum: „Der literarisch-künstlerische Anspruch ist heute um ein Vielfaches größer als der pädagogisch-didaktische in der klassischen Kinderliteratur“, sagt Arno Rußegger, Leiter der neuen Arbeitsstelle am Institut für Germanistik der Uni Klagenfurt.

Ein Grund dafür liege in der veränderten Betrachtungsweise rund um den Begriff der Kindheit, insbesondere seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Rußegger: „Damals hieß es: weg von schwarzer Pädagogik, bei der Kinder auch mit Büchern durch Bedrohung und Abschreckung erzogen werden sollten, hin zu neuen Themen und einer anderen Weltsicht. Von Erziehung hin zu Emanzipation und Unterhaltung – vom ,Struwwelpeter‘ zu ,Pippi Langstrumpf‘.“

Heute werde den Kindern zugestanden, dass sie Spaß an der Lektüre haben dürfen. „Text und Bild können sich auch über die Erwachsenen lustig machen und zwingen den Lesern keine fertige Lösung mehr auf“, so Rußegger. Auch richten sich die aktuellen Bücher längst nicht mehr nur an Kinder – sie enthalten oftmals mehrere Erzähl- und Humorebenen, sodass sich verschiedene Altersgruppen angesprochen fühlen. Gerade das gemeinsame Lesen könne generationsübergreifend oder auch interkulturell Gemeinschaft stiften.

„Hier kann das Bilderbuch eine wichtige Rolle spielen, aber es braucht neue Konzepte für den Transfer in den Alltag – ein sehr aktuelles Feld, das wir durch unsere Forschungsarbeit miterschließen wollen“, so Rußegger.

 

Buch mit Begleitprodukten

Das Bilderbuch wird inzwischen mit einer ganzen Reihe von Begleitprodukten vertrieben – eine weitere aktuelle Wendung. „Filme, Merchandising, Spiele, Apps und mehr. Im Mittelpunkt steht nach wie vor das Hauptwerk, etwa ,Die Biene Maja‘, daneben aber ein ganzer medialer Verbund“, sagt Rußegger.

Das Buch erhalte durch diese Vernetzung neue Impulse und gebe seine eigenen in andere Medien zurück. „Es erfindet sich immer wieder neu, entwickelt sich und erschließt zusätzliche Publikumsschichten.“ Laut Rußegger bildet diese stetige Weiterentwicklung die Basis dafür, dass sich das Bilderbuch nach wie vor als zentrales Element der Kinderkultur behaupten kann – trotz einer Vielzahl neuer Medienangebote.

„Ein Medium bringt kein anderes zum Verschwinden, Bilderbücher wird es immer geben.“ Das Kind bringe unterschiedliche Bedürfnisse zum Ausdruck: „Es möchte sich unterhalten oder etwas lernen. Einmal braucht es mehr Text, dann wieder mehr Bilder“, so der Wissenschaftler. Bei der riesigen Bandbreite des Genres, etwa auch in den Bereichen Comic oder Graphic Novel, könne man aus dem Vollen schöpfen.

Eine interdisziplinäre Tagung samt Ausstellung zum Thema läutete die Forschungsaktivitäten der österreichweit einzigen universitären Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendliteraturforschung in der Vorwoche ein. Mit der Unterstützung der Waldemar-Bonsels-Stiftung – Bonsels „erfand“ die Biene Maja – sichert ein Dissertationsstipendium auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

LEXIKON

Als Bilderbuch wird ein Medienprodukt bezeichnet, das Bild und Text in Verbindung bringt. Seit Jahrhunderten gibt es Bilderbücher, Form und Inhalt haben sich jedoch in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert.

Eine Graphic Novel ist ein Comic in Buchformat. Sie behandelt oft anspruchsvolle Themen und komplexe Geschichten, legt auf Bild und Text gleichermaßen wert. Das Genre entstand in den 1980er-Jahren in den USA.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2014)

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