US-Serien: Immer wieder der weiße amerikanische Mann

„Game of Thrones“ und „Breaking Bad“ – seit Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich die TV-Serienlandschaft in den USA massiv verändert. Auch in Österreich wird dies erforscht: an der Amerikanistik der Uni Wien.

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„Breaking Bad“-Star: Bryan Cranston. – (c) EPA (PAUL BUCK)

Wie entwickeln sich Fernsehformate weiter, und wie beeinflusst dies unser Zuschauerverhalten? Ein interdisziplinäres Feld, das auch Literatur- und Kulturfachleute beschäftigt. „Fernsehen war immer Schlüsselagent in der Verbreitung von kultureller Bedeutung, der Hauptumschlagplatz von ideologischen Codes“, so Birgit Däwes, Professorin für Amerikanistik an der Uni Wien. Sie präsentierte im Rahmen einer Konferenz im Amerika-Haus Wien Forschungen über neuartige und auch in Europa erfolgreiche US-Fernsehserien. Der Zeitpunkt ist passend, denn der Start des Video-on-demand-Giganten Netflix in Österreich und Deutschland im September bildet einen Meilenstein im Zusammenspiel von TV und Internet.

 

Goldenes Zeitalter der Serien

Das Phänomen Serie ist weder neu noch rein amerikanisch. In der Formgebung zeigt sich jedoch in den USA, Heimat der großen Konzerne und Geldgeber, der größte Umbruch. Technische Neuerungen wie DVD und Blu-ray, die Synergien zwischen TV und Web sowie die Vielfalt des globalen Marktes haben innovative Formate hervorgebracht – man spricht von einem „Golden Age der Serienkultur“.

Vor allem Ende der 1990er-Jahren sei mit eigens für Spartenkanäle produzierten Formaten eine regelrechte Revolution vonstattengegangen. Däwes: „Gesendet wurde nicht mehr nur für die breite Masse, sondern für ein kleineres, definiertes Publikum. Das hat die Tore für eine größere Experimentierfreudigkeit geöffnet.“

 

Es geht nicht nur um Quote

Die Folge: neue Kameraführungen, längere Handlungsstränge, eine starke visuelle Ästhetik und komplexere Figuren. Waren vorher die Grenzen von Gut und Böse in der Serie klar definiert, wurde nun vom Zuschauer mehr Aufmerksamkeit erwartet – der Beginn des sogenannten Quality TV.

„Teils muss man die Folgen mehrfach anschauen, um alle Handlungen zusammenführen zu können“, erklärt Däwes. Die aktuellen Serien seien auch durch eine stärkere Selbstreflexion der Figuren gekennzeichnet. „Einige Helden machen sich sogar über das serielle Format oder sich selbst lustig.“ Es gehe nicht mehr nur um die Quote, sondern um das Anderssein, mit stärkerer grafischer Tendenz: „Was Sprache, Erotik oder Gewalt angeht, werden die Formate immer expliziter“, so Däwes. Das Zusammenspiel von TV und Internet bietet dabei neue Möglichkeiten der Interaktion mit dem Publikum – so können Produzenten beispielsweise im Drehbuch direkt auf Diskussionen in Fan-Foren reagieren.

Interessant ist für die Wissenschaftler auch das Spannungsfeld aus subversiv wirkenden und systemstabilisierenden Faktoren: „Die neuen Formate vermitteln einen kritischen Umgang mit gesellschaftlichen Themen, bilden aber auch gleichzeitig klassische Geschlechterrollen ab“, sagt Birgit Däwes. Also alter Wein in neuen Flaschen? „Oft ist es tatsächlich doch wieder der weiße amerikanische Mann des Mittelstands, der agiert. Von außen zeigt sich die Serie höchst innovativ, im Kern ist sie jedoch wertekonservativ.“

Hier soll auch die Forschung weiter anknüpfen und neue Möglichkeiten für Minderheitenperspektiven aufzeigen. Das Golden Age des Fernsehens lebe schließlich nicht nur von Experimenten, sondern von guten Geschichten, die qualitätsvoll vermittelt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2014)

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