Wenn der eigene Körper Cannabinoid produziert

Medizin. Haschisch-ähnliche Substanzen regulieren das Zusammenspiel im Netzwerk der Nerven. Am Zentrum für Hirnforschung der Med-Uni Wien erforschen Wissenschaftler negative Szenarien im Nervensystem im embryonalen Stadium.

Substanzen, die ähnlich wie Cannabis wirken, befinden sich in jedem menschlichen Körper. Diese sogenannten Endocannabinoide bewirken zwar keinen Rausch, sind aber für die Funktion des neuralen Netzwerks von besonderer Bedeutung. Zu viele, aber auch zu wenige Endocannabinoide können Pathologien verursachen wie etwa Depressionsanfälle, Epilepsie oder Autismus. Ein Forscherteam am Zentrum für Hirnforschung der Med-Uni Wien rund um Tibor Harkany hat nun entschlüsselt, welche Wirkmechanismen der Ausbildung einer solchen Beeinträchtigung zugrunde liegen.

Endocannabinoide sind Botenstoffe im Körper, die THC (Tetrahydrocannabinoid) nachahmen. THC zählt zu den psychoaktiven Cannabinoiden und ist der rauschbewirkende Bestandteil der weiblichen Hanfpflanze Cannabis.

Tibor Harkany hat schon in den vergangenen Jahren in seinen wissenschaftlichen Arbeiten an der Universität Aberdeen und am schwedischen Karolinska-Institut nachgewiesen, dass die Einnahme von Cannabis während der Schwangerschaft eine Gefährdung für Ungeborene bedeutet. Eine Erhebung der Substance Abuse and Mental Health Service Administration (SAMHSA) hat ergeben, dass mehr als zehn Prozent der ungeborenen Kinder durch eine zu große Menge an Cannabis beeinträchtigt werden.

In Wien analysieren nun die Wissenschaftler rund um den gebürtigen Ungarn Harkany die Regulation der Endocannabinoide sowohl in den Nervenzellen als auch in den diese unterstützenden Oligodendrozyten, das sind eigene Zellen im Zentralnervensystem. Das reibungslose Zusammenspiel der Nervenzellen ist gerade in der Embryonalphase für die weitere Entwicklung von enormer Bedeutung. Die Endocannabinoide regulieren, wie viele biochemische Botenstoffe für ein Signal verwendet werden. Dieses Signalsystem ist für den korrekten Ablauf der embryonalen Gehirnentwicklung wichtig. Gerät dieses System aufgrund erhöhter Endocannabinoid-Spiegel durcheinander, kommt es zu einer Art „Erregungssturm“.

Im Zentrum für Hirnforschung der Med-Uni Wien hat man im embryonalen Gehirn des Menschen dieses Signalsystem und dessen Endocannabinoid-vermittelte Regulation entdeckt. Erik Keimpema vom Forscherteam hält fest, dass erhöhte Endocannabinoid-Spiegel bei metabolischen Syndromen wie etwa Fettleibigkeit und Insulininsuffizienz auftreten. Auch bei Infekten der Mutter „ist es wichtig, veränderte Endocannabinoid-Spiegel während einer Schwangerschaft in den normalen Bereich zu führen“. Damit soll sichergestellt werden, dass die embryonale Gehirnentwicklung fehlerfrei abläuft. Es sei, so Keimpema, der Nachweis gelungen, dass die körpereigenen Cannabinoide ein Signalsystem regulieren können, das wichtig für die Entwicklung von Schaltkreisen im embryonalen Gehirn ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2014)

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