Das Wahrzeichen als Forschungslücke

Der Wiener Stephansdom ist Wahrzeichen und Touristenmagnet. Eine lückenlose, von Legenden und Irrtümern befreite Geschichte ist aber noch ausständig.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Geschichte des Wiener Stephansdomes lässt sich nach landläufiger Meinung an zwei Persönlichkeiten festmachen: Der Habsburger-Herzog Rudolf IV. der Stifter begann im 14. Jahrhundert den Ausbau zum gotischen Dom. Beendet wurden die Arbeiten unter dem Baumeister Hans Puchsbaum, der einen Pakt mit dem Teufel schloss und in weiterer Folge vom Nordturm in den Tod stürzte. Sein Leichnam wurde nie gefunden, die Bauarbeiten wurden eingestellt.

Spätestens hier wird deutlich, dass die Grenzen zwischen historischer Tatsache und Legende beim Wahrzeichen der Wiener verschwimmen. Der Anteil Rudolfs IV. am Kirchenbau dürfte wesentlich geringer sein. Hans Puchsbaum gab es zwar – der Nordturm ist aber ein Werk seines Nachfolgers, und die Bauarbeiten wurden fast hundert Jahre nach Puchsbaums Dienstzeit 1533 abgeschlossen.

Was in den rund dreihundert Jahren Baugeschichte genau geschah, kann rekonstruiert werden. Oder könnte. „Bisher wurde der Bauverlauf noch nie systematisch aufgearbeitet“, sagt die Wiener Kunsthistorikerin Barbara Schedl zur „Presse“.

 

Grundlagenforschung fehlt

Immer wieder wurden Detailfragen behandelt, selbst der Versuch eines umfassenderen Projektes an der Akademie der Wissenschaften ist nach der Veröffentlichung eines ersten Bandes ins Stocken geraten. Das soll sich ändern. Die Grundlage dafür legt ein Forschungsprojekt an der Uni Wien unter der Leitung von Schedl, das noch heuer abgeschlossen werden soll.

Erstaunlich genug, dass das für eines der wichtigsten Denkmale in Wien erst jetzt geschieht – interessant ist aber auch, wie es überhaupt dazu kam. Es war nämlich ein deutscher Forscher, der seine österreichischen Kollegen 2007 wachrütteln sollte, so Schedl. Der Karlsruher Architekturhistoriker Johann Josef Böker schrieb die bis dahin angenommene Geschichte des Stephansdomes komplett um.

In Wien reagierte man mit einer internationalen Tagung und gelangte zur Wurzel des Problems: Es ist die Grundlagenforschung, die fehlt. Die zahllosen Schriftquellen wurden nie systematisch aufgearbeitet und ausgewertet. Eine Lücke, an deren Schließung Schedl seit 2012 arbeitet. Noch heuer werden einige kleinere Publikationen erscheinen.

Bis wie für die Hofburg eine umfangreiche Darstellung erscheinen wird, müssen wohl noch einige Jahre vergehen. Vielleicht gehört ein letztes Quäntchen geheimnisvoller Aura aber auch einfach zum Wesen eines solchen Denkmals. (sg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2015)

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