Echte Moral will keine Kostenrechnung

Ein Mathematiker erklärt, warum man Liebenden und prinzipientreuen Politikern vertrauen kann.

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Warum helfen wir einander? Warum kooperieren wir? Mathematische Biologen beschäftigen sich seit Langem mit dieser Frage, meist mit Mitteln der Spieltheorie, ihr erfolgreichstes Modell ist der reziproke Altruismus: Ich gebe dir, damit du mir – ein anderes Mal – gibst.
Richtig moralisch mutet uns das freilich nicht an, sondern berechnend. Wir vertrauen lieber jemandem, der nicht nur kooperiert oder hilft, nachdem er von Fall zu Fall Kosten oder Nutzen verglichen hat; wir schätzen Mitmenschen, die prinzipiell helfen oder kooperieren.

„Authentischen Altruismus“ nennt das Martin Nowak, Mathematiker aus Klosterneuburg, derzeit in Harvard. Und er hat sich ein Spiel ausgedacht, das diesen beschreiben kann (Pnas, 26. 1.). Wie meist bei solchen Spielen, kann man sich für Kooperation entscheiden oder dagegen. Das Besondere: Die Person, die gerade dran ist, erhält ein Kuvert, in dem steht, wie vorteilhaft die Zusammenarbeit ist. Sie kann nachschauen oder nicht. Die andere Person kann darauf reagieren und die Partie beenden oder nicht.

 

„Kooperation ohne Nachschauen“

Auf diesem Spiel baute Nowak via Computerprogramm ein evolutionäres Modell: Spieler, die mehr gewinnen, haben mehr Kinder, ihre Strategie ist in der nächsten Generation häufiger. Ergebnis: Wenn die Kosten für Kooperation nur gelegentlich hoch sind, setzt sich die „Kooperation ohne Nachschauen“ durch. Zusammenarbeit aus Prinzip also. Das sei der Grund, warum wir prinzipienfesten Politikern mehr vertrauen als solchen, die nur auf Meinungsumfragen setzen, meint Nowak. Und er erklärt auch die Liebe damit: „Liebe hat an sich, dass wir uns zu unseren Partnern altruistisch verhalten, egal, welche Versuchungen daherkommen.“

Man möge so handeln, dass man andere „niemals bloß als Mittel“ verwendet, das ist eine Formulierung des Kant'schen kategorischen Imperativs. Auch sie will Nowak erklären: Wir schrecken vor Menschen zurück, die andere nur als Mittel verwenden, weil sie dazu neigen, ihre Partner schlecht zu behandeln, wenn es ihnen vorteilhaft scheint.
Eine Unterscheidung, die Kant sehr wichtig war, kann Nowak freilich nicht nachvollziehen: Handelt einer aus Pflicht oder aus Neigung? Im mathematischen Modell läuft das aufs Selbe hinaus. (tk)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2015)

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