„Wir zahlen bei jedem Projekt drauf“

Es braucht Mittel für Nebenkosten der Forschung, sagt Uni-Wien-Rektor Heinz Engl.

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FESTAKT DER UNIVERSIT�T WIEN ZUM 650. GR�NDUNGSJUBIL�UM: ENGL
FESTAKT DER UNIVERSIT�T WIEN ZUM 650. GR�NDUNGSJUBIL�UM: ENGL – (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Die Presse: Der Österreichische Wissenschaftsfonds FWF hat angekündigt, aufgrund von Engpässen die Finanzierung sogenannter Overhead-Kosten, also Geldern für Forschungsinfrastruktur, zu kürzen. Was heißt das für Unis und Forschungseinrichtungen?

Heinz Engl: In jedem Projekt fallen Kosten für Räume und Ausstattung an, die nicht aus dem Projekt finanziert werden können. Wir haben hunderte Angestellte über Drittmittel (Gelder aus Förderfonds und Industrie, Anm.), die müssen ja irgendwo sitzen. Wir müssen Räume anmieten, Computer kaufen und andere Infrastruktur zur Verfügung stellen. Das tun wir natürlich. Es ist aber wichtig, dass wir das auch etwas mitfinanziert bekommen. Dazu dienen die Overheads.

 

Aktuell werden 20 Prozent der Projektkosten als Overheads bezahlt, das soll auf zehn bzw. acht Prozent reduziert werden ...

Schon die 20 Prozent derzeit decken die Vollzusatzkosten nicht ab, nach internationalen Erfahrungen betragen diese weit mehr. In Amerika werden etwa 60 bis 100 Prozent der indirekten Kosten übernommen. Aber es war schon ein großer Fortschritt, 2008 in Österreich von null auf 20 Prozent zu kommen.

 

Müssen die Unis bei Drittmittelprojekten also draufzahlen?

Drittmittelprojekte sind aus Forschungssicht unverzichtbar, rein aus Kostensicht ist es eigentlich unökonomisch. Wir zahlen bei jedem Projekt drauf.

 

Zahlt es sich künftig noch aus, Projekte zu machen?

Natürlich werden wir das weiter tun. Über Drittmittelprojekte wird Forschung finanziert, die wir sonst nicht finanzieren könnten. Insbesondere werden auf diesem Weg zu einem großen Teil Doktoranden angestellt. Aber wir werden uns in Zukunft genauer überlegen müssen, bei welchen Projekten wir einer Einreichung zustimmen können. An der Uni Wien geht es um 3,7 Millionen Euro pro Jahr. Das Geld muss ja irgendwo herkommen.

 

Welche Konsequenzen hätte eine Kürzung für die Uni Wien? Was geht dann nicht mehr?

Allein heuer sind das etwa eine Million Euro Budgetverlust für verschiedene Projekte, und das wird man natürlich spüren. Wichtiger ist mir eigentlich, dass ab 2016 die Overheads in der Weise wie bisher erhalten bleiben. Das heurige Jahr werden wir schon irgendwie überbrücken können. Noch wichtiger ist aber eigentlich die Steuerungswirkung von Overheads.

 

Inwiefern?

Weil damit Geld in besonders forschungsstarke Disziplinen fließt. Das ist auch Anreiz für das Beantragen von FWF-Projekten. Da ist ja ein hoher Aufwand damit verbunden, und nur jedes fünfte Projekt wird genehmigt.

 

Was bedeutet eine Kürzung für die Grundlagenforschung?

Sie hängt natürlich nicht insgesamt von diesen 20 Prozent Overheads ab. Es geht in der nächsten Leistungsvereinbarung überhaupt um die ausreichende Finanzierung der Universitäten, um zumindest unseren Status quo in der Forschung zu halten und zugleich unsere umfassenden Aufgaben in der Betreuung von 92.000 Studierenden aufrechtzuerhalten. Da ist die Frage der Overheads ein wichtiger Aspekt, aber nur ein Teilaspekt. Denn es geht in den Verhandlungen mit dem Ministerium allein aus Sicht der Uni Wien um mehr als eine Milliarde Euro auf drei Jahre.

 

Die Forschungsprämie, eine Steuerbegünstigung für Forschungsaufwendungen von Unternehmen, wird auf zwölf Prozent erhöht – ein Trend zur Anwendungsorientierung?

Das ist etwas, was der Wirtschaft zugutekommt und nicht der Grundlagenforschung. Dafür mag es gute Gründe geben. Ich halte auch anwendungsorientierte Forschung für sehr wichtig. Wir werden an der Uni Wien auch einen etwas stärkeren Schwerpunkt in diese Richtung setzen. Das ist kein Gegensatz, anwendungsorientierte Forschung basiert auf Grundlagenforschung. Und Grundlagenforschung muss auch zum Teil dann wieder in Richtung Anwendung wirksam werden. Ich sehe das als Wechselspiel, bei dem es auf die richtige Balance ankommt. Eine Universität ist immer etwas stärker grundlagenorientiert, aber man braucht in Österreich letzten Endes beides.

 

In der Wissenschaft ist ständig von Spitze und Exzellenz als Zielen die Rede. Tatsächlich kämpft man aber darum, die Grundkosten abzudecken. Wie passt das zusammen?

Das ist die Diskussion, die wir ständig führen. Wir hatten im Rahmen der Jubiläumsfeiern der Uni Wien ein Symposium mit Rektoren von Spitzenuniversitäten wie Cambridge, Chicago oder Hongkong. Da sieht man, wie groß die Finanzierungslücke in Österreich im Vergleich zu solchen Ländern ist. Wir haben einen sehr detaillierten Vergleich angestellt zwischen der Finanzierung der Uni Wien und der der Uni München. Das Ergebnis: Faktor eins zu zwei pro Studierendem. Wir sind deutlich unterfinanziert, trotzdem aber erfolgreich. Forscher der Uni Wien haben bisher 31 European Research Council (ERC)-Grants eingeworben. An der Uni München sind es 34, da sind wir nicht weit weg. Es ist oft erstaunlich, was bei einer doch sehr angespannten Finanzierungslage geleistet wird. Aber wir verlieren an Boden, wenn nicht gegengesteuert wird.

 

Sie haben erwähnt, dass die Overheads in den USA bei 60 Prozent und mehr liegen. Ein Wunschziel für Österreich?

Ja, das wäre eine Vollkostendeckung. Wir sind aber schon froh, wenn es bei den jetzigen 20 Prozent bleibt. Aber gerade teure Großforschungprojekte wie Spezialforschungbereiche oder Doktoratskollegs sind derzeit von den Overheads ausgenommen. Da bekommen wir nichts. Das wäre über den FWF aufzustocken.

 

Und dazu brauchte der FWF mehr Geld vom Bund?

Der FWF braucht insgesamt mehr Geld vom Bund. Es ist aber auch eine Entscheidung des FWF, ob er Mittel für Overheads oder für anderes einsetzt. Die Steuerungs- und Anreizeffekte der Overheads sind sehr stark. Es wäre wirklich demotivierend, wenn sie jetzt nach mehreren Anläufen endgültig abschafft würden.

ZUR PERSON

Heinz Engl (62) wurde in Linz geboren. Der Universitätsprofessor für Industriemathematik der Uni Linz war Vizerektor für Forschung der Uni Wien und Vorsitzender des Forums Forschung der Österreichischen Universitätenkonferenz, als der Österreichische Wissenschaftsfonds FWF 2008 die Finanzierung der Nebenkosten von Forschung (Overheads) einführte. Engl ist seit 2011 Rektor der Uni Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2015)

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