Nach dem Beben als Fischer leben

Japanologie. Die Folgen des Tsunamis spürt Japan bis heute. Wiener Wissenschaftler untersuchen Auswirkungen der Naturkatastrophe auf die Fischerei: Die Produktion erholt sich wegen der Lieferlücke nach dem Tsunami nur langsam.

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(c) APA/EPA/KIMIMASA MAYAMA

Wenn es um die Katastrophe von 2011 geht, steht der havarierte Atomreaktor von Fukushima im Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit. Doch aus japanischer Perspektive ist das Atomkraftwerk nur eines von vielen Problemen, die das gigantische Seebeben verursacht hat.

Die gesamte pazifische Küstenregion muss wieder aufgebaut werden. Fast 20.000 Menschen verloren ihr Leben. Mehrere hunderttausend Wohnungen, Infrastruktur und die Existenzgrundlage tausender Japaner wurden zerstört. Im Wiener Institut für Japanologie wird erforscht, welche Folgen die Katastrophe für die japanische Wirtschaft und Gesellschaft hatte. Johannes Wilhelm vom Institut für Ostasienwissenschaften der Uni Wien hat das Leben danach auch vor Ort untersucht.

„2011 bin ich unterstützt von der Österreichischen Forschungsgemeinschaft ÖFG und 2013 mithilfe einer japanischen Organisation mit einer Gruppe Studenten in die Region gefahren. Wir untersuchten, wie sich die Fischer reorganisieren“, berichtet Wilhelm. „Dabei interessiert besonders, wie sich ohnehin bestehende Phänomene, wie die Überalterung der Bevölkerung, durch die Katastrophe verschärft haben.“

Die pazifische Küstenregion wird häufig von großen Naturkatastrophen heimgesucht. Da die Gegend sehr reiche Fischgründe besitzt, siedeln sich trotzdem immer wieder Menschen dort an. Die Infrastruktur für Fischer konnte mit staatlicher Hilfe nach 2011 relativ schnell wieder hergestellt werden.

Doch manche Probleme scheinen unlösbar. Wilhelm analysiert die wichtigsten Ursachen dafür so: In der ohnehin überalterten Region des pazifischen Tohoku sehen sich besonders ältere Fischer nicht in der Lage, den Wiederaufbau zu stemmen. Den Familienbetrieben, die Austern, Jakobsmuscheln und Seescheiden kultivierten, fehle der Nachwuchs, weil junge Leute die Region verließen und nicht wieder zurückkehrten.

 

Widerstand gegen Fischimport

Zugleich würden die vom Staat vorgesehenen Umstrukturierungen in der Fischereiwirtschaft von den lokalen Fischern abgelehnt. Obwohl die Zucht einiger Fischarten langsam wieder anlaufe, seien tradierte Handelsketten durch die Lieferlücke nach dem Tsunami durchbrochen worden.

Dies sowie die Gerüchte über die radioaktive Verstrahlung des Fisches führten zu erheblichen Absatzschwierigkeiten. Obwohl die Grenzwerte herabgesetzt worden seien und die Strahlenbelastung im Produktionsverlauf mehrfach überprüft werde, gebe es beispielsweise in Südkorea Widerstand gegen Fischimporte aus Japans Katastrophenregion.

Eine Rückkehr zum Produktionsniveau der Vor-Tsunami-Zeit in angemessener Frist erscheint aus Sicht der Wiener Japanologen unrealistisch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2015)

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