Der japanische Mikrokosmos

Geschichte. Japanologen kehren als Feldforscher in die Region Aso zurück, wo Österreicher bereits 1968 Pioniere waren. Sie erkunden die Landwirtschaft, Dorfstrukturen und Haushalt.

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Die etwa 200 Studienanfänger, die sich jedes Jahr in Wien für Japanologie entscheiden, sind häufig durch Manga und Anime, also japanische Comics und Animationsfilme, motiviert“, sagt Sepp Linhart, der das Institut für Ostasienwissenschaften an der Uni Wien von 1978 bis 2012 geleitet hat und in Japan Feldforschung betrieb. Linhart hat selbst viel über Freizeit und Spiele in Japan gearbeitet. Doch das große Interesse der jungen Studierenden macht ihm Sorgen. „Wie sollen sie jemals einen einschlägigen Job finden?“, fragt er. Immerhin beenden etwa 50Prozent der Anfänger das Studium zumindest mit einem Bachelor.

Linharts Nachfolger, Wolfram Manzenreiter, und sein Team wollen sich die Begeisterung der Jungen für ein neues Forschungsprojekt zunutze machen. „Aso 2.0“ ist der Arbeitstitel für das Vorhaben. Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen, beispielsweise der Volkskunde, Ethnologie, Sozialanthropologie, Religionswissenschaften, Soziologie und Sozialgeografie sowie der Land- und Forstwissenschaften, erarbeiten eine gemeinsame Fragestellung, unter der sie die japanische Region Aso untersuchen wollen.

Aso gilt in ihren Augen als ein interessantes Untersuchungsfeld, weil dort Ansätze zur Revitalisierung einer strukturschwachen Region erkennbar sind, die seit Jahrzehnten von jungen Leuten verlassen wird. Daraus lassen sich möglicherweise Schlussfolgerungen für Japan ableiten.

 

Vulkan zieht Touristen an

Heute ist das riesige Vulkanbecken von Aso als touristisches Ziel bei Tagesausflüglern sehr beliebt. Für Saisonarbeiter und Pensionisten werden die sieben Gemeinden zunehmend zur neuen Heimat.

Vor dem Hintergrund der allgemeinen demografischen Entwicklung könnte Aso ein Gegenmodell zu den wegen Überalterung aussterbenden Regionen bilden. Doch das ist nicht der einzige Grund dafür, dass die Wahl auf Aso fällt. Diese Region hat in der Wiener Japan-Forschung bereits einen festen Platz. Schon 1968 und 1969 haben österreichische Wissenschaftler dort gearbeitet. „Damals haben wir begonnen, Japanologie nicht als Literaturwissenschaft zu verstehen, bei der man im Lehnstuhl sitzt und Bücher liest oder – heute – im Internet recherchiert. Wir sind in das Land gegangen und haben Feldforschung betrieben. Die deutschen Kollegen beispielsweise waren darüber sehr verdutzt“, erinnert sich Sepp Linhart.

Als Student gehörte er zu einer kleinen Gruppe unter Institutsleiter Alexander Slawik, die gemeinsam das Aso-Gebiet genauer unter die Lupe nahmen. Vor dem Hintergrund ihrer Ergebnisse bietet sich mit heutigen Daten ein komparatistischer Ansatz an.

Lange hatte sich die Erforschung des ländlichen Raumes in Japan auf einzelne Dörfer beschränkt, in denen man den Mikrokosmos aus japanischer Kultur und Gesellschaft zu ergründen versuchte. Das Wiener Aso-Projekt wollte darüber hinausgehen und nahm sich eine Region mit mehreren Dörfern vor. Von besonderem Interesse war ein sogenannter Großschrein, der Aso-Schrein, der als shintoistisches religiöses Zentrum diente.

Erich Pauer, ebenfalls Mitglied der Forschungsgruppe und heute Emeritus für Japanologie in Marburg, hatte sich vor allem mit der Agrarkultur in der Aso-Region befasst. Zusammen mit Josef Kreiner, damals in Wien, später Professor in Bonn und Tokio, brachte er zahlreiche landwirtschaftliche Geräte nach Wien. Sie liegen heute im Depot des Weltmuseums.

Pauer lobt die guten wissenschaftlichen Bedingungen der späten Sechzigerjahre.

 

Fehlender Datenschutz

Mangels Datenschutzes hatten die Wiener Wissenschaftler zumindest bis 1970 direkten Zugriff auf Haushaltserhebungen im Zensus. Weitere Daten gewannen sie durch detaillierte Haushaltsfragebögen, die sich auf Grundbesitz, Tiere, Einsatz von Maschinen und Angaben zum Lebensstandard bezogen.

Das Aso-Projekt der späten Sechzigerjahre litt darunter, dass die beteiligten Forscher sich nach ihrer Rückkehr in alle Winde zerstreuten. 1970 kam es zu einer Kooperation mit dem japanischen Forscher Oka Masao, der in den 1930er-Jahren in Wien Völkerkunde studiert hatte. Er untersuchte mit seinem Team, unter anderem mit Gamo Masao und Sumiya Kazuhiko, die burgenländischen Dörfer Köpfing und Neckenmarkt und setzte so einen Anfangspunkt für die japanische Europa-Forschung in Österreich.

LEXIKON

Aso. Das 25 Kilometer lange und 18 Kilometer breite Gebiet umgibt die Stadt Aso, die im Norden eines Kraters auf der Insel Kyushu liegt. Der 1600 Meter hohe Aso-san zählt zu den größten aktiven Vulkanen der Welt. Der Aso-Nationalpark ist ein Zentrum des „Green Tourism“, worunter in Japan vor allem das gesunde Landleben mit Biomärkten und Ausflüge zu Bauernhöfen verstanden werden.

Regionalforschung. Interdisziplinäre Erforschung eines Teilgebietes eines nationalen Territoriums vor allem mit sozialwissenschaftlicher Fragestellung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2015)

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