Durch Fremdherrschaft zur Globalmacht

Archäologie. Die Hyksos führten im Alten Ägypten neue Technologien, eine Diplomatensprache in Keilschrift, globalen Handel und das Pferd ein. Österreichische Forscher entschlüsseln nun das Rätsel ihrer Herkunft.

Zwischen 1640 und 1530 v. Chr. herrschte im Alten Ägypten die Hyksosdynastie. Ihre Hauptstadt war Auaris am östlichsten Arm des Nildeltas – circa 140 Kilometer nordöstlich vom heutigen Kairo, im Bereich des Ortes Tell el-Dab'a. Mit ihren 25.000 bis 30.000 Einwohnern war sie die größte Stadt ihrer Zeit im Mittelmeerraum.

Auaris war eine internationale Drehscheibe des Handels mit einer großen Hafenanlage, in der etwa Wein, Olivenöl und Weizen umgeschlagen wurden. Sie war aber vor allem ein Melting Pot der antiken Kulturen: Ägypter drängten sich in den Straßen genauso wie Zyprioten oder Nubier, die vom 2000 Kilometer südlich liegenden, heutigen Sudan stammten. Doch die Eliten dieser Mischkultur stellten die Hyksos – Altägyptisch für „Herrscher der Fremdländer“.

Die Ägyptologen konnten bislang nur Vermutungen über die Herkunft der Hyksos anstellen, da in den spärlichen schriftlichen – oft viel später aufgezeichneten, politisch eingefärbten – Quellen wenig über sie steht: „Die Hyksos sind ein weißer Fleck in der Geschichte“, sagt Manfred Bietak, Ägyptologe der Universität Wien. Bietak erhielt vom Europäischen Forschungsrat soeben den mit bis zu 2,4 Millionen Euro dotierten ERC Advanced Grant, um den Hyksos mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auf den Zahn zu fühlen.

Buchstäblich: In Zusammenarbeit mit der Ägyptischen Akademie der Wissenschaften und dem ägyptischen Antikministerium untersucht Bietaks Team unter anderem mit DNA- und Strontiumisotopenanalysen Zahn- und Knochenreste, um Aufschluss über die Gene und die Migrationsströme der Hyksos bekommen.


Im Dienst der Pharaonen

Strontium lagert sich im Lauf eines Lebens in Zähnen und Knochen ständig neu ab. Abhängig vom Standort einer Person zu Lebenszeiten liegen in den Überresten unterschiedliche Isotopenverhältnisse vor: Das ermöglicht die Migrationsanalyse.

Wegen der bisher gefundenen materiellen Kultur wird vermutet, dass die Hyksos aus Vorderasien kamen: „Wir glauben, dass sie zunächst in verschiedenen Funktionen etwa als Soldaten, Seeleute, Handelsagenten oder Metallarbeiter für die Pharaonen gearbeitet haben“, sagt Bietak.

Doch die „Ausländer“ stiegen rasch zur Elite auf und krempelten Ägypten grundlegend um: Sie hatten keinen gottgleichen Pharao, sondern führten ein Lehenswesen – ähnlich wie im europäischen Mittelalter – ein, bei dem lokale Machthaber Steuern einhoben. Sie dürften aus Mesopotamien das Akkadisch als Diplomatensprache eingeführt und auf weite Distanzen politischen Briefwechsel und Handel gepflogen haben, wie spärliche Funde in Tell el-Dab'a vermuten lassen. Erst damit bezogen sie Ägypten in das politische Geschehen von Vorderasien ein.

Der Handel mit dem gesamten östlichen Mittelmeer brachte Wein, Olivenöl sowie neue Metalle wie Kupfer oder Zinn nach Ägypten. Die Hyksos importierten auch das Pferd, und mit ihm den militärisch schlagkräftigen Streitwagen. Ihre Spezialisten halfen vermutlich, Schiffe zu bauen und filigranen Schmuck zu schmieden.

„Erst die friedliche Migration dieser Vorderasiaten machte Ägypten zur Globalmacht im Nahen Osten. Doch das meiste über diese Epoche wartet noch auf seine Entdeckung“, sagt Bietak.

LEXIKON

Die Hyksos waren eine Gruppe von Einwanderern, die aus dem heutigen Libanon und Syrien ins Alte Ägypten einwanderten und zwischen 1640 bis 1530 v. Chr. zur Herrscherdynastie aufstiegen. Woher genau sie stammten, ist noch unerforscht. Im Projekt „The Hyksos Enigma – das Rätsel um die Herkunft der Hyksos“ am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften soll diese Forschungslücke geschlossen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2015)

Kommentar zu Artikel:

Durch Fremdherrschaft zur Globalmacht

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen