Wittgenstein-Preis geht an Byzanz

Die Wiener Universitätsprofessorin Claudia Rapp erhält Österreichs höchst dotierte Auszeichnung. Sie ist eine Historikerin und Philologin mit Internationalität.

ACHTUNG SPERRFRIST MONTAG, 08. JUNI 2015, 19:00 UHR  / INTERVIEW: CLAUDIA RAPP
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ACHTUNG SPERRFRIST MONTAG, 08. JUNI 2015, 19:00 UHR  / INTERVIEW: CLAUDIA RAPP
CLAUDIA RAPP – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Für Claudia Rapp ist Wien ein Schlaraffenland der Byzantinistik. Mit solch einem üppigen Märchenwort lobte die Deutsche (* 1961) diese Stadt, nachdem sie zur Professorin für Byzantinistik und Neogräzistik an die Universität berufen worden war. Das Thema ihrer Antrittsvorlesung 2012 lautete: „Die soziale Dimension des Christentums in Byzanz“, ein versuchter Brückenschlag zwischen Geschichte und Theologie. Nun hat Rapp einen Grund mehr, Wien als Locus amoenus zu preisen, der sie verwöhnt. Hier werden Orchideenfächer noch gewürdigt.
Rapp wurde am Montag mit dem Wittgenstein-Preis ausgezeichnet, dem höchstdotierten, den Österreich vergibt. Den Gewinnern stehen für ihre Forschungen 1,5 Mio. Euro zur Verfügung.

Rapp könnte mit diesen Mitteln forcieren, was sie sich 2012 vorgenommen hat: die verstärkte Zusammenarbeit ihres Fachs in Mittel-, Ost und Südosteuropa, wobei von Wien die Impulse ausgehen sollen, für „World History“, in der Byzanz ein Bindeglied zwischen Asien und Europa bedeutet. Die Preisträgerin denkt wohl noch großzügiger. Sie ist bei Konferenzen weltweit präsent und reüssiert vor allem auch in Reviews internationaler Tagungen und als Herausgeberin – ein hochmodernes Uni-Leben also.

Das Projekt „Sinai Palimpsest“

Die Stufen auf der bisherigen Karriereleiter Rapps signalisieren Vielfalt: Nach dem Studium an der Freien Universität Berlin promovierte sie 1983 an der Universität Oxford, sie forschte in Cornell (NY) und an der UCLA in Kalifornien, wo sie 2006 Full Professor für spätantike Geschichte wurde – die einzige Byzantinistin unter 70 Historikern. Ihre Arbeit führte sie u. a. nach Princeton, Jerusalem, Paris, Utrecht. In Wien hat sie neben ihrem Lehrstuhl seit 2012 zudem die Leitung der Abteilung Byzanz des Institutes für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften inne. Auch diesem Institut will die Präsidentin der Österreichisch-Byzantinischen Gesellschaft mehr Internationalität verschaffen. Ihre Vorlesung hält sie wohl aus diesem Grund auf Englisch. Initiativ ist sie zudem als wissenschaftliche Leiterin des Projekts „Sinai Palimpsest“ – es geht um die Bewahrung antiker Handschriften mithilfe moderner Technologie. Diese Arbeit ist ebenfalls international, wird von Kalifornien aus organisiert und von London finanziert. Rapps Leitspruch für künftige Projekte: „Mobility, Microstructures and Personal Agency“. Das klinge auf Englisch besser als im Deutschen, verriet sie der APA.

Heilige Bischöfe in einer Übergangszeit

Was sind in Buchform die Schwerpunkte ihrer bisherigen Forschung über die mehr als 1000 Jahre, in denen Ostrom bestand, von der Reichsteilung 395 bis zur Eroberung der Hauptstadt Konstantinopel durch die Osmanen im Jahr 1453? Die Dissertation „The Vita of St. Epiphanius of Salamis – a historical and literary study“ ist im Handel nicht erhältlich, dafür aber eine große Arbeit über heilige Männer: „Holy Bishops in Late Antiquity. The Nature of Christian Leadership in an Age of Transition“ (UCLA Press 2005) beschäftigt sich mit der Verwandlung des Christentums von einem verfolgten Kult zur Staatsreligion zwischen 300 und 600. In dieser Zeitspanne hat sich das Bischofsamt entwickelt. Der höchste Repräsentant der Kirche wurde modellhaft auch als Bürger. Rapp verlegt den Fokus von Kaiser Konstantin auf die hohe Geistlichkeit dieser Übergangszeit. Diese asketischen Autoritäten waren offenbar so charismatisch wie machtbewusst.

Verbrüderung vor einem Priester

Gemeinsam mit H. A. Drake gab Rapp im Vorjahr „The City in the Classical and Post-Classical World: Changing Contexts of Power and Identity“ heraus (Cambridge University Press). Behandelt wird darin von einem internationalen Gelehrtenteam die Rolle der Stadt vom antiken Athen und Rom bis zum mittelalterlichen Konstantinopel. Auch hier geht es um Transformationsprozesse, vom Imperium zur Ökumene. Vielversprechend ist das Thema einer Studie, die Rapp derzeit vollendet: „Brother-Making in Late Antiquity and Byzantium. Monks, Laymen and Christian Ritual“ soll sich mit „adelphopoiesis“ beschäftigen, einem Ritual, das exklusiv aus Byzanz bekannt ist. Zwei Männer verbrüdern sich in der Kirche unter Gebeten eines Priesters. Ist das eine frühe Form des Netzwerkens oder ein Ausdruck des mönchischen Lebens? Hat der Akt eine homophile Komponente? Die neue Wittgenstein-Preisträgerin wird uns demnächst darüber aufklären.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2015)

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