Anthropologie: Sein Urururopa war Neandertaler!

Die DNA-Analyse eines 40.000 Jahre alten Unterkiefers zeugt davon, dass sich die beiden damals in Europa lebenden Menschenarten vermischten.

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In der „Knochenhöhle“ in Rumänien gefunden: der Unterkiefer eines Homo sapiens. – (c) Svate Pääbo

Eine nahe Verwandtschaft zwischen diesem hässlichen, starken, plumpen Tiermenschen und dem Menschengeschlecht“ sei „ausgeschlossen“, schrieb H. G. Wells 1921 in „The Grisly Folk“ über den Neandertaler: „Unseren Vorvätern muss er erschreckend vorgekommen sein, als sie auf ihn stießen.“ Dieses Bild des dem Homo sapiens am nächsten verwandten Vormenschen hat sich in der Wissenschaft lange gehalten: Noch 1999 betitelte „Die Presse“ einen Artikel über Neandertaler mit „Die ganz alten Europäer sind längst ausgestorben“.

Das war damals Mainstream, die meisten Anthropologen bestanden darauf, dass der Homo neanderthalensis eine eigene Art sei, die sich in Europa aus dem – vor circa einer Million Jahren aus Afrika eingewanderten – Homo erectus entwickelt habe und vor circa 40.000 Jahren vom frisch aus Afrika gekommenen Homo sapiens verdrängt bzw. ausgerottet worden sei. Das impliziert, dass sich die beiden nicht miteinander vermischt hätten. Denn genau das ist die Definition einer Art: Sie besteht aus Individuen, die miteinander Kinder bekommen können. Wobei die Kinder selbst wieder fruchtbar sein müssen: So sieht man Pferde und Esel als verschiedene Arten, denn ihre Mischlinge – Mulis bzw. Maulesel – sind unfruchtbar.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts begann sich das Bild von den Neandertalern als haarige Bestien zu wandeln, es häuften sich die Indizien dafür, dass die Neandertaler uns nicht so unähnlich waren. Sie konnten so gut jagen wie Homo sapiens, sie bastelten Schmuck, zumindest in manchen Regionen bestatteten sie ihre Toten. Es gab offenbar auch kulturellen Austausch.

 

Doch Sex mit Homo sapiens

Und genetisch? Noch 2009 behauptete eine Schrift des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig: „No Sex with Homo sapiens“, also keine Vermischung. Das folgerten die Forscher aus der Sequenzierung von einer Million Basenpaare (von insgesamt mehr als drei Milliarden) eines in Kroatien gefundenen Neandertalers. 2010 ergab dann eine umfassendere Studie, es habe doch einen „Genfluss“ von Neandertaler zu Homo sapiens gegeben, genauer: zu den Vorfahren der Nichtafrikaner. Ein bis drei Prozent der DNA heutiger Europäer, Nordafrikaner, Asiaten, Amerikaner und Australier stamme von Neandertalern. (Die Vorfahren der heute südlich der Sahara lebenden Menschen haben sich dagegen nicht mit Neandertalern vermischt.)

Also doch „Sex with Homo sapiens“: Der Augenbrauenwulst, die fliehende Stirn, die große Nasenhöhle der alten Europäer mögen den neuen Einwanderern fremd erschienen sein, aber nicht so unattraktiv, nicht so „grisly“, um nicht doch erotische Anziehung aufkommen zu lassen. Faszinierend, aber (noch) nicht wirklich seriös sind Spekulationen über heutige menschliche Eigenschaften mit Neandertaler-Wurzeln. Gefahrlos kann man sagen, dass manche Varianten der für Hautpigmentierung zuständigen Gene von Neandertalern stammen. Populärwissenschaftlich begabte Molekularmediziner in Oxford prägten das Wort vom „Ginger“-Gen, das rothaarig und sommersprossig macht.

Die Vermischung jedenfalls fand in der Zeit von vor 86.000 Jahren und vor 37.000 Jahren statt, sagen die Anthropologen. Aber wo? Nur im Nahen Osten oder auch in Europa? Ein 2002 im südwestlichen Rumänien, in Karsthöhlen namens Peştera cu Oase (Knochenhöhle) gefundener Homo-sapiens-Kiefer zeigt schon äußerlich einige eher für Neandertaler typische Züge, doch sind solche morphologischen Argumente ziemlich umstritten. Doch nun hat ein Team um David Reich und Svante Pääbo DNA aus dem 37.000 bis 42.000 Jahre alten Kiefer analysiert, trotz aller Verunreinigungen mit DNA heutiger Menschen, die das Stück angegriffen haben.

 

Sechs bis neun Prozent

Ergebnis laut Publikation in Nature (22. 6.): Sechs bis neun Prozent des Genoms stammen von einem Neandertaler (oder einer Neandertalerin). Und da bei jedem Crossing-over im Rahmen der sexuellen Fortpflanzung die DNA-Sequenzen kleinteiliger vermischt werden, lässt sich aus der Länge der neandertalerartigen Sequenzen ableiten, dass der Ahn (die Ahnin), der (die) sie hinterlassen, nur vier bis sechs Generationen davor gelebt hat. Also: Der Ururgroßvater, der Urururgroßvater oder der Ururururgroßvater dieses Menschen war ein Neandertaler. (Bitte um Verzeihung für das doch nicht durchgehaltene Gendern.)

Allerdings hat dieser Mensch, den die Forscher jovial „Oase-Individuum“ nennen, nicht selbst Neandertaler-Gene an heutige Europäer weitergegeben: Er ist diesen genetisch nicht näher als heutigen Ostasiaten, also offenbar kein direkter Ahn, sondern „Vertreter einer Pioniergruppe moderner Menschen, die nach Europa kam, aber später von anderen Gruppen ersetzt wurde“, so Reich.

Der nächste Verwandte

Neandertaler heißen so, weil das erste Skelett dieser Art 1856 im Neandertal (in Nordrhein-Westfalen) gefunden wurde. Es wird auf ein Alter von 42.000 Jahren datiert. Neandertaler lebten bis vor circa 35.000 Jahren in Europa. Sie stammen von Menschen der Art Homo erectus ab, die vor circa einer Million Jahren aus Afrika kamen; eine Zwischenform wird Homo heidelbergensis genannt (nach einem bei Heidelberg gefundenen, circa 600.000 Jahre alten Unterkiefer). Der Homo sapiens stammt auch vom Homo erectus ab, wanderte aber erst viel später aus Afrika in andere Kontinente.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2015)

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