"Katastrophe" - Forscher kritisieren CERN-Rückzug

Als Reaktion auf die Entscheidung kommt seitens der Wissenschafts-Gemeinde heftige Kritik. Der Ausstieg wird einer "Katastrophe" gleichgesetzt. Österreich würde zum "dümmsten Zeitpunkt" sein Engagement beenden.

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AP (Martial Trezzini)

Der renommierte Wiener Physiker Walter Thirring ist über den Ausstieg Österreichs aus dem Europäischen Kernforschungszentrum CERN entsetzt. "Das ist eine Katastrophe, CERN ist ein Sinnbild dafür, dass Europa alle anderen Länder überflügeln kann, wenn es zusammenhält", sagte Thirring. Der Physiker war seit der Gründung des CERN 1954 in verschiedenen Funktionen tätig, von 1968 bis 1971 war er Direktor des Forschungszentrums.

Angst vor Welt ohne CERN

Thirring fürchtet nun durch den Ausstieg Österreichs, dass auch andere Mitgliedsländer abbröckeln könnten. Das "Leuchtsignal der Wissenschaft" könnte verglimmen. Der Physiker erinnerte daran, dass ohne CERN die Welt anders aussehen würde, schließlich wurde am Forschungszentrum das Wold Wide Web entwickelt.

"Dümmster Zeitpunkt"

Kritik an der Entscheidung übte Anton Rebhan, Professor für Theoretische Physik an der Technischen Universität Wien. Er kann den Austritt nicht verstehen, "just zu dem Zeitpunkt, wo es daran geht, die Ernte von jahrzehntelangen Vorbereitungen einzufahren". Österreich wende sich "von der vordersten Front der Grundlagenforschung zum denkbar dümmsten Zeitpunkt ab und bricht damit eine Erfolgsstory für die beteiligten Studenten, Forscher und Techniker mutwillig und kurzsichtig ab", so Rebhan.

Österreich fällt hinter den Osten zurück

Nur ein Land habe bisher dauerhaft seine CERN-Mitgliedschaft beendet, "und das war 1961 Jugoslawien, wovon inzwischen Slowenien und ab heuer auch Mazedonien wieder Vollmitglieder wurden. Wir werden ab jetzt wohl nur neidvoll nach Osteuropa schauen können, wo Tschechien, Slowakei, Polen, Ungarn und Bulgarien seit den 90er Jahren Vollmitglieder sind", so der Physiker.

Brückenkopf zum CERN überflüssig geworden

Der Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Peter Schuster, betonte im Zusammenhang mit dem Ausstieg Österreichs aus dem CERN, dass es weiterhin "einen Raum für die Teilchenphysik in der Akademie geben wird". Das Instituts für Hochenergiephysik (HEPHY) der ÖAW sei der österreichische Brückenkopf zum CERN gewesen, eine Funktion, die mit dem Austritt "obsolet" geworden sei. Es gebe aber noch ein zweites Institut für Teilchenphysik in der Akademie, das Stefan-Meyer-Institut für subatomare Physik.

Bilaterale Verträge als Notlösung

Nachdem in den vergangenen Jahren von österreichischer Seite viel in CERN und den neuen Beschleuniger investiert worden sei, hält es Schuster für wichtig, in Zukunft auch die wissenschaftliche Ernte dafür einzufahren. Dies sei vor allem auch für die involvierten jungen Physiker von Bedeutung. Der ÖAW-Chef ist zuversichtlich, dafür eine Lösung zu finden, etwa durch eine Assoziation zum CERN oder einen bilateralen Vertrag.

Grüne bedauern Ausstieg

Bedauern über den Ausstieg Österreichs aus CERN äußerte auch der Wissenschaftssprecher der Grünen, Kurt Grünewald, in einer Aussendung. CERN zähle zu den wohl weltweit herausragendsten Forschungsinstituten der Teilchenphysik, sich von ihm abzukoppeln und damit österreichischen Forschern den Zugang zu einem Top-Institut abzuschneiden sei "mehr als bedauerlich". Im Verteilungskampf um die Budgets für Wissenschaft und Forschung solle es zudem nicht "zu einem Kannibalismus zwischen den einzelnen Disziplinen kommen, die sich nun um die 20 Millionen streiten", hieß es weiter.

Außenwirtschaft ist "nicht glücklich"

"Nicht glücklich" über den Ausstieg Österreichs aus dem Kernforschungszentrum CERN zeigte sich auch Michael Scherz von der Außenwirtschaft Österreich (AWO) der Wirtschaftskammer (WKÖ) am Donnerstag. Aus Sicht der Wirtschaft sei die Zusammenarbeit mit CERN bisher gut gelaufen, "internationale Mitgliedschaften sind wichtig, jeder Rücktritt ist schlecht."

(Ag.)

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