Die digitale Revolution in den Geisteswissenschaften

Die Grazer Institute für Geschichte und Archäologie feiern heuer 150 Jahre historischen Denkens und Schreibens.

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Es ist kein Zufall, dass die Geschichte- und Archäologieinstitute der Uni Graz zeitgleich gegründet wurden. Nach dem Revolutionsjahr 1848 entschied sich die Regierung in Wien bewusst dafür, eine moderne steirische Forschungseinrichtung aufzubauen: „Eine Fülle von Laboratorien ist auf den neuesten Stand gebracht worden. Neue Institutionen, Professuren und Fächer wurden geschaffen“, sagt Alois Kernbauer, Historiker am Institut für Österreichische Geschichte und Leiter des Grazer Uni-Archivs.

Man hat aber nicht ohne Grund in die Wissenschaft investiert: Nach dem turbulenten Jahr 1848 wollte Großösterreich das gegenseitige Verständnis seiner Völker stärken und Synergien auch durch die Forschung erzeugen. Das 19. Jahrhundert gilt heute gemeinhin als das Zeitalter der aufstrebenden nationalen Ideen – auch im Vielvölkerstaat des Habsburgerreiches. Ungarn, Tschechen, Slawen, Südslawen, Deutschösterreicher, Kroaten und kleinere Gemeinschaften entdeckten die Nation als sinnstiftende Identität für sich.

 

Geschichte ganz nach Zeitgeist

Die Geschichtsschreibung und die Archäologie blickten damals auf die Vergangenheit zurück und passten sie diesem Zeitgeist an – aber erst ab den 1880er-Jahren: Zuvor lag eine mitteleuropäische Gesamtstaatsgeschichtsschreibung im Trend. „Die österreichischen Geisteswissenschaftler fühlten sich bis 1878 einem multinationalen, multiethnischen Großstaat zugehörig, in dem sich die einzelnen Nationalitäten wohlfühlten“, sagt Kernbauer. Es gab also um 1850 eine österreichisch-mitteleuropäische Identität, die weitgehend auf einer gemeinsamen Lebens-, Kultur- und Religionsform basierte. Ein wesentliches Charaktermerkmal der Nation im 19. Jahrhundert erfüllt es indes nicht: eine gemeinsame Sprache.

Eine „überraschende Erkenntnis“ wie diese muss von einer breiten Datenbasis gestützt sein: „Wenn man eine Fülle von Einzelstudien, Dokumenten, Rezensionen und Aufsätzen in computergestützter Form analysiert hat, sieht man Tendenzen in den Geschichtsschreibungen jeweiliger Epochen“, sagt Kernbauer. Empirische Massendaten liefern der historischen Deutung heute Befunde, die noch vor zehn Jahren beinah undenkbar waren, und verringern Spekulationen. Kernbauer trug alle je erschienenen Schriften von Grazer Historikern der vergangenen 150 Jahre zusammen. Erst das brachte ihn auf die Mitteleuropathese.

 

Digitale Geisteswissenschaften

Big Data – bisher eher im Bereich der Technik und der Sozialwissenschaften verankert – hält gerade Einzug in die Geisteswissenschaften. Blickt man auf die gegenwärtige Forschung, erkennt man, dass sie sich „in jedem Fall in Richtung Digitalisierung und Big Data bewegt. Hier ist die Revolution voll im Gange“, so Kernbauer. Daher läuft an der Grazer Uni zurzeit ein Projekt, in dem steirische Quellen – auch verborgene, lokale und wenig bekannte Dokumente – digitalisiert und mit ähnlichen Onlinesammlungen anderer Unis verbunden werden sollen: ein weltweites, jederzeit zugängliches Netzwerk. Regionale Detailstudien werden für überregionale internationale Einsichten eingebracht.

„In wenigen Jahren wird geisteswissenschaftliches Forschen über die Grenzen hinweg möglich sein. Das ist die Zukunft“, sagt Kernbauer. Wenn diese Datenmengen – etwa von Sterbe- und Heiratsurkunden, Pfarr- und Gemeindechroniken oder altsteinzeitlichen Funden, die noch in Kleinstarchiven verstauben – analysierbar werden, wird die Geisteswissenschaft wieder neu geschrieben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2015)

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