Aktivist wird Aktionär – und will jetzt mehr

SubtextDie Tierschützer von Peta werden Aktionär bei Hermès, um Krokotaschen zu verhindern. Viel Glück.

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(c) APA/EPA/DANIEL DAL ZENNARO (DANIEL DAL ZENNARO)

Wer jetzt noch nicht weiß, warum die teure „Birkin Bag“ heuer im Schrank bleiben sollte, war wohl länger nicht im Internet. Für alle Heimkehrer von Alm und Insel ein kurzes Update: Der französische Luxushersteller Hermès ist unter Druck, seit die Tierschutzorganisation Peta im Netz ein Video verbreitet hat, das zeigt, wie Krokodile angeblich für Hermès-Taschen der Marke Birkin bei lebendigem Leib gehäutet werden. Die britische Schauspielerin Jane Birkin, nach der diese Taschen seit 30 Jahren benannt sind, verbot der Firma – ebenfalls digital –, ihren Namen weiter für die Krokotaschen zu nutzen. Hermès gab sich „schockiert“, betonte, dass die Haut von dem texanischen Zulieferer gar nicht in „Birkin Bags“ lande – und will sich die Sache zumindest ansehen.

So weit, so bekannt. In der Nacht auf Freitag hat Peta die Schlagzahl erhöht. Die Umweltschützer kauften sich um 360 Euro mit einer Aktie bei Hermès ein. Künftig wolle man das Unternehmen nicht nur von außen, sondern auch von innen verändern, hieß es.

Das klingt so logisch, dass man sich fragt, warum Peta nicht längst Aktionär beim Lieblingsfeind ist. International haben NGOs den Kapitalmarkt vor Jahrzehnten als Spielwiese für sich entdeckt. Der Startschuss war die Anti-Apardheid-Bewegung der 1970er-Jahre in Großbritannien. Damals versuchten Menschen als Aktionäre Einfluss auf britische Unternehmen in Südafrika zu nehmen. Heute hat so ziemlich jeder Öl-, Tabak-, Pharma- oder Moderiese an der Börse seinen eigenen Aktivisten, der die jährliche Hauptversammlung als Bühne für sich nützen will.

Das Geschäft ist längst professionalisiert – und es läuft gut. Mit einer Stimme allein kann man allerdings wenig bewegen. Daher werben einschlägige Vereine um Stimmrechte ethisch denkender Aktionäre. Greenpeace gründete etwa die BP shareholders against new explorations. Aber auch ohne Stimmen kann man verändern, und zwar mit Stimmung. So hat die finanzstarke Umweltorganisation Friends of the Earth vor einigen Jahren um 30.000 Pfund Anteile am Baukonzern Balfour Beatty erworben, um diesen davon abzuhalten, den Ilısu-Staudamm in der Türkei zu bauen. Ihr Antrag auf der Hauptversammlung scheiterte. Doch so viele Aktionäre enthielten sich der Stimme, dass der Konzern wenig später selbst zurückzog. Die Autorin Catherine Burgy zählt allein von 1990 bis 2002 rund 80 Fälle, in denen NGOs als Aktionäre die Entscheidungen in Unternehmen beeinflusst haben.

Wie erfolgreich die Taktik ist, hängt wohl an den übrigen Miteigentümern – und dem dicken Fell der entsandten Aktivisten-Aktionäre. Wer je auf einer OMV-Hauptversammlung war, kennt die Dame von Stop the Bomb, die dort jedes Jahr gegen Iran-Geschäfte anredet. Nicht, dass der Konzern ihr unfreundlich begegnete. Kleinaktionäre buhten sie regelmäßig von der Bühne, sobald sie erkannten, mit welchen Ideen die Aktivistin den heiß ersehnten Sturm aufs Buffet verzögert. Geschäft ist Geschäft, bleibt für viele die Devise.
Apropos: Eine pinkfarbene Kroko-Birkin-Tasche wurde eben für 223.000 Dollar bei Christie's ersteigert. Auch gegen dieses Argument muss man an der Börse erst einmal ankommen.

E-Mails an: matthias.auer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2015)

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