Österreich bleibt CERN-Mitglied

Bundeskanzler Faymann pfeift Wissenschaftsminister Hahn zurück: Österreich bleibt Mitglied beim Schweizer Forschungszentrum. Ein Ausstieg würde dem Ansehen des Landes zu sehr schaden. Nun muss bei anderen Forschungsprojekten gespart werden.

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(c) REUTERS (Christian Bruna)

Bundeskanzler Werner Faymann hat erstmals in seiner Amtsperiode ein Machtwort gesprochen: Der von Wissenschaftsminister Johannes Hahn geplante Ausstieg aus dem europäischen Kernforschungszentrum CERN findet nicht statt. „Reputation und Ansehen Österreichs sind etwas, das übergeordnetes Interesse hat“, sagte Faymann am Montag nach einem Treffen mit Hahn. Dieser nahm die Niederlage zur Kenntnis und erklärte auch von seiner Seite die Diskussion für beendet. Für einen Ausstieg aus dem Forschungsprojekt hätte Hahn die Zustimmung des Koalitionspartners benötigt: Sowohl Ministerrat als auch Parlament hätten Ja sagen müssen.

20 Millionen Euro jährlich hatte Hahn in andere Forschungsprojekte umschichten wollen. Doch in den vergangenen Tagen wuchs der Widerstand gegen diesen Plan. Nicht nur die Wissenschafts-Community meldete sich lautstark kritisch zu Wort, sondern auch der Koalitionspartner in Gestalt von Infrastrukturministerin Doris Bures. Das Vorhaben endgültig zum Kippen gebracht haben dürfte NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll. Hahns Parteifreund fürchtete nach einem Gespräch mit dem CERN-Generaldirektor um „sein“ Krebsforschungsprojekt MedAustron in Wiener Neustadt, das mit CERN kooperiert. Er habe von dem Vorhaben aus den Medien erfahren, sagte Pröll am Montag gegenüber der „Presse“. Wenn er die Interessen Niederösterreichs verteidigen müsse, „dann gibt's weder Freunde noch sonst was“.

Widerstand, den Hahn unterschätzt haben dürfte. Im Vorfeld hatte er Bures, SPÖ-Wissenschaftssprecherin Andrea Kuntzl und Bundespräsident Heinz Fischer informiert, ohne dabei ein klares Nein zu hören – wohl aber habe Bures durchklingen lassen, dass es Gesprächsbedarf gebe, hieß es. Der Versuch, auch Faymann zu informieren, scheiterte: Der Kanzler hatte dafür angeblich keine Zeit. Dass er sich nun klar gegen die Pläne ausgesprochen hat, sieht man im Wissenschaftsressort auch als Retourkutsche der SPÖ in Sachen Lehrerarbeitszeit: Unterrichtsministerin Claudia Schmied war von der ÖVP allein im Regen stehen gelassen worden.

 

CERN machte Stimmung

Aber auch das CERN selbst scheint hinter den Kulissen viel Stimmung gegen Hahns Entscheidung gemacht zu haben. Nach dem Gespräch zwischen dem Minister und dem CERN-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer vergangenen Montag in Wien war, so hört man, eigentlich Stillschweigen vereinbart gewesen. Heuer hat aber dennoch bereitwillig Medien Auskunft gegeben. Auch wollen Insider wissen, dass bei Kanzler Faymann und auch in Niederösterreich Briefe aus Genf eingetrudelt sind. So würde sich auch die einwöchige „Schrecksekunde“ der Kritiker erklären.

Für CERN selbst stand viel auf dem Spiel: Schon seit Langem haben manche Mitglieder kritisiert, dass ein hoher Sockelbetrag quasi als Eintrittskarte verlangt wird. Dieser ist vom Bruttoinlandsprodukt abhängig und macht für größere Staaten erkleckliche Summen aus – unabhängig vom wissenschaftlichen Interesse, das durch zusätzliche Projektkosten finanziert wird.

In Österreich hat die von Teilchenphysikern initiierte Petition „SOS – Save Our Science“ mehr als 30.000 Unterzeichner gefunden. Allerdings war die Front der Ablehnung unter Wissenschaftlern keineswegs geschlossen. Auch in der „Presse“-Redaktion hat sich eine ganze Reihe von Wissenschaftlern gemeldet, die das Ansinnen Hahns goutierten. Dabei war etwa von einer „hypertrophen Hochenergiephysik“ die Rede und davon, dass nun endlich auch andere Wissenschaftszweige Anschluss an internationale Großforschungseinrichtungen bekämen. Aber niemand wollte offiziell ein Statement dazu abgeben. Am Montag brach die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb diese Mauer des Schweigens – sie meinte, dass es für die Wissenschaft wichtigere Probleme zu lösen gebe. Zu spät: Kurze Zeit später verkündete Faymann das Ende des Projekts.

Unklar ist nun, wo die 20 Mio. Euro eingespart werden sollen. Nötig ist dies erst ab dem Budget des Jahres 2011. Das von Hahn frei verfügbare Forschungsbudget beträgt 200 Mio. Euro – ein Zehntel wäre also von der Kürzung betroffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2009)

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