Sich übers Nähen annähern

Porträt. Yvonne Franz erforscht das Wir-Gefühl in Vierteln mit einer starken Zuwanderung in Wien, Amsterdam und Stockholm. Sie selbst lebt in so einem „Grätzel“ in Wien.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

In jeder Stadt gibt es Viertel, die von einer besonders hohen Diversität gekennzeichnet sind: Also Orte, wo Personen unterschiedlicher Herkunft auf engem Raum zusammenleben. Dieses Umfeld könnte man als neuralgischen Punkt – ein komprimiertes Gebiet, das bestimmte Schwierigkeiten und Risken in sich birgt – bezeichnen. Denn eine gängige Annahme besagt: Wo verschiedene Mentalitäten oder Kulturen aufeinanderprallen, sind Streit und Unbehagen programmiert.

Yvonne Franz vom Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW sagt dazu: „Wir wissen noch nicht im Detail, ob in Gegenden mit hoher Diversität das Mit- oder das Nebeneinander höher ausgeprägt ist.“ Franz ist Mitarbeiterin eines internationalen Teams, das das Wir-Gefühl und die Zugehörigkeit zur Nachbarschaft in diesen Gebieten erforscht. Das Projekt Interethnic Coexistence in European Cities (ICEC) soll Aufschluss darüber geben, ob es einen Zusammenhang zwischen integrationsfördernden Maßnahmen, etwa vonseiten der Politik oder privaten Initiativen, und dem eigenen Nachbarschaftsgefühl gibt.

 

Feldforschung im Nähkurs

Die Forscher analysieren dazu auch die Politik der Stadt: Welche Integrationspolitik betreibt die Stadt, und was publiziert sie darüber? Zum anderen begeben sich die Wissenschaftler auf Feldforschung vor Ort, um teilnehmend zu beobachten, strukturierte Interviews zu führen oder in Nachbarschaftszentren an Aktivitäten teilzunehmen. „Ich selbst war über eineinhalb Jahre lang in einem Nähkurs im Wiener 16.Bezirk“, erzählt Franz. Dort hätten zwar alle gewusst, dass sie Wissenschaftlerin sei, dennoch seien über das Nähen viele Gespräche entstanden, die sie als Außenstehende nicht hätte führen können. Sie kam somit ihrer Zielgruppe und ihren wissenschaftlichen Fragestellungen näher.

Franz ist eine von knapp zwei Dutzend Forschern, die diese Stadtforschung in Amsterdam, Stockholm und Wien betreiben. Die Geografen, Soziologen und Politologen entschieden sich für diese drei Städte wegen ihrer Vergleichbarkeit und gleichzeitigen Unterschiedlichkeit.

Amsterdam, Stockholm und Wien stehen für drei Stadttypen innerhalb von Wohlfahrtsstaaten. Wobei Wien einem traditionell-sozialen, Amsterdam einem neoliberal-sozialen und Stockholm einem skandinavischen Wohlfahrtsmodell entsprechen. Daraus ergeben sich unterschiedliche Zugänge zur nachbarschaftlichen Integration in den Vierteln: Stockholm setzt etwa sehr stark auf eine schnelle Teilhabe von Zuwanderern am Arbeitsmarkt. In Amsterdam müssen sich – im Gegenteil zu Wien – die Bürger vor allem selbst organisieren, um etwas erreichen zu können. Holland pflegt einen sehr neoliberalen Zugang und setzt auf die Eigenverantwortung ihrer Bewohner. Die Ergebnisse des Projekts sind großteils noch vorläufig: „Was wir aber sehen ist, dass die Einstellung zum Grätzel sehr individuell ist“, sagt Franz. Nicht jeder, der an nachbarschaftlichen Aktivitäten teilnimmt, fühlt sich der Umgebung unbedingt zugehörig oder entwickelt gar ein ausgeprägtes Wir-Gefühl. Eine der Fragen der Forscher wird daher sein: Was kann die Stadt tun, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken?

Franz wohnt selbst in einem von Diversität geprägten Grätzel. Ihr gefällt die Unterschiedlichkeit, die an einem Ort zusammenkommt: „Für mich ist das Urbanität“, sagt sie. Selbstverständlich gebe es Konfliktlinien, die man ausverhandeln müsse. Dazu brauche es Strukturen, die von der Stadt vorgegeben sein müssen, aber auch Möglichkeiten, sich selbst einzubringen. Franz beobachtet stets, wie sich ihr Grätzel weiterentwickelt. Sie hat ihr Hobby damit zum Beruf gemacht: „Ich gehe immer mit einem geografischen Auge durch die Welt“, sagt sie.

ZUR PERSON

Yvonne Franz wurde 1979 in Prien am Chiemsee geboren. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, bevor sie sich dem Geografiestudium in Köln und Wien zuwandte. Franz lebt und arbeitet in Wien und ist Teil eines internationalen Teams am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Informationen zu dem Projekt gibt es unter www.icecproject.com.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2015)

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