Kummerspeck im Kopf bekämpfen

Warum naschen viele Menschen bei Stress? Und warum lässt Schokolade andere bei Frust völlig kalt? Diesen Fragen gehen Psychologen an der Uni Salzburg nach.

Naschen gegen Stress
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Naschen gegen Stress
Naschen gegen Stress – (c) Antonia Schneider

Stress, Ärger, Müdigkeit – mit dem Griff zu Schokolade, Chips oder Erdnüssen belohnen sich viele bei emotionalen Durchhängern. Craving nennen Psychologen dieses durch Stress, Frust oder andere Emotionen ausgelöste Verlangen nach einer kalorienreichen Belohnung. Während für manche der zusätzliche Schokoriegel kein Problem ist, führt das Frustessen bei vielen Menschen mit der entsprechenden Genetik zu Übergewicht bis hin zu Fettleibigkeit. Und damit in Folge zu Stoffwechsel- und Herzkreislauferkrankungen, Allergien oder Karies.

„Viele Erkrankungen entstehen, weil wir zu viel und zu fett essen“, erinnert Jens Blechert. Der Wissenschaftler beschäftigt sich mit seinem Team mit psychologischen Aspekten von Essstörungen und Adipositas. Der Europäische Forschungsrat hat dem gebürtigen Stuttgarter, der seit 2011 am Institut für Psychologie der Uni Salzburg lehrt und forscht, für das Projekt „New Eat“ für die kommenden fünf Jahre 1,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um der Frage nachzugehen, welche Zusammenhänge es zwischen Stress, Emotionen und Essverhalten gibt.

„Uns interessiert der Kummerspeck“, bringt Blechert sein Forschungsgebiet auf den Punkt: „Stress und Essen hängen zusammen.“ Die Salzburger haben dabei weniger die regulären Mahlzeiten auf dem Radar als die Naschereien zwischendurch. Die psychologische Regulierung von Emotionen dürfte bei dafür anfälligen Menschen vor allem über den Snack jenseits von Frühstück, Mittag- oder Abendessen laufen.

 

Flucht ließ keine Zeit zum Essen

Doch nur ein Teil der Menschen reagiert unter dem Einfluss von Stresshormonen so wie unsere Vorfahren: Flucht oder Kampf ließen ihnen keine Zeit, ans Essen zu denken. Jenen, denen unter Stress der Appetit vergeht, stehen viele Menschen gegenüber, die darauf mit extra Kalorienzufuhr antworten. Bei anderen gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen Emotionen und Essverhalten. „Wir wollen herausfinden, wer wie reagiert und warum das so ist“, so Blechert. Seine Hypothese: Der Kummerspeck entsteht auch im Kopf. „Oft ist es den Leuten gar nicht bewusst, wie oft sie ans Naschen denken.“ Für ein erstes Teilprojekt von „New Eat“ wird das Essverhalten gesunder Menschen in Stresssituationen untersucht. Ob Teilnehmer sich beim Essen häufig von Emotionen, Stress oder Langeweile leiten lassen und wie sich das mit gleichzeitigem Diäthalten verträgt, wird per Smartphone-App erhoben: Mehrmals täglich werden Belastungen durch Familie, Beruf und Alltag sowie die Nahrungsaufnahme erfasst. Ein Teil der Gruppe wird zu einem Laborbesuch eingeladen, um die Gehirnreaktionen auf Bilder beliebter Naschereien zu messen. So wollen die Salzburger herausfinden, was sich im Gehirn tut, wenn die Naschlust kommt.

Neben dieser Grundlagenstudie sollen mit „New Eat“ auch konkrete Interventionen untersucht werden. Ein Ansatzpunkt sind die Gedanken ans (baldige) Naschen, wie sie sich vor dem Fernseher, beim Lernen oder nach dem Abendessen einschleichen. Will man verzichten, wird der Wunsch nach Schokolade oder Chips nur noch stärker. Das Verdrängen dieser Gedanken funktioniert meist nicht lang. Daher hat Blechert einen anderen Ansatz gewählt: „Wir wollen den Gedanken an Schokolade durch einen anderen ersetzen.“ Die aus der Diätberatung bekannte Ersatzstrategie – die kalorienreduzierte Pizza – soll auf Gedanken übertragen werden. Das heißt: Das Essverhalten wird im Kopf verändert, nicht im Magen.

Derzeit entwickeln die Psychologen gemeinsam mit Simon Ginzinger vom Bereich Multi-Media-Technology der FH Salzburg eine App, die helfen soll, Wünsche nach einem Schokoriegel in einen Wunsch nach etwas Gesünderem umzuwandeln. „Wenn wir den Gedanken einfach wegdrücken, kommt er sicher wieder zurück“, weiß Blechert: Das Ersetzen ist leichter als der gedankliche Kraftakt des Verbots. Wenn der Griff zur Alternative über eine längere Zeit mithilfe der App trainiert werde, könne das zu einer dauerhaften Verhaltensänderung führen, ist Blechert überzeugt: „Ich glaube, dass sich da in den gedanklichen Strukturen einiges verändert.“ Ob es funktioniert, soll eine Studie mit Testpersonen, die sich zu Schoko-Cravern zählen, zeigen. „Wenn wir es schaffen, die Ernährungsgewohnheiten positiv zu ändern, dann haben wir auch einen gesundheitlichen Effekt“, vermutet der Psychologe.

Wenn die Zusammenhänge von Emotion, Stress und Verlangen nach Essen bei gesunden Menschen besser verstanden werden, will sich das Team von Blechert in einem weiteren Schritt mit Essstörungen wie Bulimie oder Anorexie beschäftigen.

LEXIKON

Bulemie ist Ess-Brech-Sucht, bei der die Nahrung sofort wieder erbrochen wird. Anorexie ist Magersucht. Dabei verliert der Patient das Hungergefühl. Von Ess-Brech-Sucht oder Magersucht sind zu 95 Prozent Frauen betroffen.

Für das Projekt zum Ersetzen der Gedanken an kleine Naschereien zwischendurch durch gesündere Alternativen sucht die Forschungsgruppe „New Eat“ noch Teilnehmer. Interessierte können sich unter www.eat.sbg.ac.at/mitmachen melden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2015)

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