Vom Ende und von der Erlösung

Für die Menschen des Mittelalters war ein bevorstehender Weltuntergang eine reale Vision. Kriegsstürme und Naturereignisse wurde als warnende Zeichen gewertet.

J.Brueghel d.Ae., Triumph des Todes - Brueghel / Triumph of Death / o/c - Brueghel / Triumphe de la Mort / o/c.
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Der finale Kampf um Gut und Böse bewegt auch die Kunst, wie hier bei Jan Brueghel dem Älteren. – akg-images / picturedesk.com

Heute ein Thema für Hollywoods Filmindustrie und esoterische Bücher, in früheren Epochen eine von einer breiten Bevölkerung als real empfundene Bedrohung: die Apokalypse, die alles Alte auslöscht und ungewisses Neues schaffen könnte. „Es ging um von Gott gesandte Bedrohungen, um die Menschen zu warnen, zu strafen, das Ende anzukündigen“, sagt der Historiker Walter Pohl. Der Professor am Historischen Institut der Uni Wien untersucht im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds (FWF) initiierten Spezialforschungsbereichs „Visions of Community“ die Hypothese, nach der religiös motivierte Vorstellungen für die Politik im Mittelalter prägend waren.

Erst in der Vorwoche hat die Akademie der Wissenschaften eine international besetzte Tagung zum Thema „Apokalypse im Mittelalter“ ausgerichtet, bei der es um Ende und Erlösung im Christentum, Islam und Buddhismus ging. In Europa war einer der Anstöße die Offenbarung des Johannes, die im letzten Buch des Neuen Testaments wiedergeben wird – allerdings nicht in der Orthodoxie. „In der Johannesoffenbarung finden sich Hinweise auf Zeichen, die Gott zur Apokalypse gibt“, sagt die Programmkoordinatorin der Wiener Apokalypse-Tagung, Veronika Wieser.

Ende des 4. Jahrhunderts waren es die Hunnen, die eine Endzeitstimmung auslösten, im Jahr 410 die Goten mit der Plünderung Roms. Wobei die Goten mit dem in der Offenbarung angeführten Gog – einem Volk, das in der Johannes-Schrift mit dem Satan in Verbindung steht – gleichgesetzt wurden. „Die Plünderung Roms hat man als Zeichen Gottes gesehen“, so Pohl.

Eine konkrete Endzeitstimmung erfasste weite Teile der Bevölkerung um das Jahr 1000. „Und wenn 1000 Jahre vollendet sind, wird der Satanas los werden aus seinem Gefängnis“, heißt es bei Johannes. Im Alten Testament wurde wiederum ein Tag mit 1000 Jahren gleichgesetzt. Die Schöpfungsgeschichte erstreckte sich über sechs Tage, also könnte das Alter der Welt mit 6000 Jahren bemessen sein. Walter Pohl: „Am siebenten Tag ruht sich Gott aus, da kann er sich nicht um die Welt kümmern.“ Mit Christi Geburt, so eine weit verbreitete Annahme, beginnt das letzte der sechs Weltenalter. Nach anderen Berechnungen war schon im Jahr 800 die Zeit abgelaufen.

Neben kriegerischen Einfällen konnten auch Mond- und Sonnenfinsternis oder Naturkatastrophen die Endzeitstimmung anheizen. Schon in der Johannesoffenbarung werden in diesem Zusammenhang verheerende Heuschreckenplagen oder Hagelunwetter angeführt. Im Hochmittelalter wurden dann die Kreuzzüge im Rahmen der Endzeitvorstellungen gesehen.

 

Übereinstimmung mit Islam

Aus dem Hochmittelalter liegen die ersten schriftlichen Zeugnisse über Reaktionen in der Bevölkerung vor. Die Vorstellungen von einer nahen Apokalypse waren nicht ständig vorhanden, sie traten vielmehr in Wellenbewegungen auf. „Auf den Höhepunkten kommt es zu einer besonderen Form der Frömmigkeit“, so Veronika Wieser, „zu asketischen Übungen bis hin zur Selbstgeißelung.“ Man konnte die Ängste verstärken, aber auch die nahende Erlösung sehen. „Die Hoffnung, von allen Wirrnissen und Plagen befreit zu sein, war in allen Ständen vorhanden“, sagt Pohl. Ende und Erlösung lagen nah beieinander.

Zwischen der christlichen Endzeitstimmung und jener im Islam gibt es viele Übereinstimmungen. Diese gehen auf gemeinsame religiöse Traditionen zurück, auf Vorstellungen von Tod und Auferstehung in beiden Religionen. Auch Gog und Magog aus der Johannesoffenbarung sind im Islam bekannt. „Beide Religionen haben Zielvorstellungen“, so Pohl, „sie sind auf ein Ende ausgerichtet, bei dem Prophezeiungen Wirklichkeit werden.“

LEXIKON

Die Apokalypse zielt auf das Gottesreich ab: Wann kommt dieses, wie wird die vorherige Umwandlung – der Weltuntergang – beschaffen sein? Dabei geht es auch um das Gottesgericht.

Die Eschatologie ist der Glaube, dass alle irdischen Dinge zu einem Ende kommen und dass auf das jüngste Gericht eine neue göttliche Ordnung folgt. Verbunden damit ist die Frage, was nach dem Tod mit der Seele passiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2015)

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