Zu viel Kultur kann die Innovation verhindern

Innovationskraft. In der Region Salzburg zeigt sich: Obwohl viel Wissen geschaffen wird, kann es kaum umgesetzt werden.

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(c) Clemens Fabry

Wissen und Innovation kann man wie einen Kreislauf beschreiben: Zuerst muss man Geld hineinstecken, damit Wissen generiert werden kann. Dann ist Innovation der Prozess, bei dem aus Wissen Geld generiert wird, etwa durch die Entwicklung neuer Produkte oder Prozesse. Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFTE) hat nun das Wissens- und Innovationspotenzial des Landes Salzburg analysiert und fand große Mängel im Bereich der Innovation.

„Wir haben ein Analysemodell gewählt, das an der Universität Stanford entwickelt wurde, es nennt sich Triple Helix System“, erklärt Studienautor und Geschäftsführer des RFTE, Ludovit Garzik. Dieses dient dazu, etwas sehr Unüberschaubares mit wissenschaftlichen Mitteln überschaubar zu machen. „Ein regionales Innovationssystem, wie es auch in Salzburg vorliegt, ist sehr komplex: Es gibt unzählige Institutionen und Aktivitäten“, so Garzik. Gemeinsam mit Marina Ranga von der Stanford University kategorisierte er alle diese – die Universität, FHs, Unternehmen und Forschungseinrichtugen – für die Analyse. „Es gibt auch viele Menschen in der Administration, etwa in der Landesregierung, die im Innovationssystem arbeiten“, betont Garzik.

 

Wichtig: Überschaubar machen

Zwischen all den Organisationen gibt es Aktivitäten, die sie verbinden: Kooperationen oder auch eine Forschungs- oder Wirtschaftsstrategie des Landes. So arbeitet zum Beispiel der Rat für Wissenschaft und Forschung in Salzburg an der Vernetzung der Wissens- und Innovationseinrichtungen. „Wir haben uns auf das Land Salzburg beschränkt, weil man eine gewisse Grenze ziehen muss, damit die Studie überschaubar bleibt. Außerdem gibt es hier durch die starke kulturelle Tradition spannende Aspekte“, so der Studienautor.

Wie funktioniert also das Triple-Helix-System? Man versucht den undurchsichtigen Komplex an Organisationen und Aktivitäten zu vereinfachen, indem man jedes Einzelteil einem von drei „Räumen“ zuordnet. Es gibt den Wissensraum: Darin findet sich alles, was an Wissen in dieser Region generiert wird. Dann gibt es den Innovationsraum: Er beinhaltet alles, bei dem Wissen verwendet wird, um Innovationen zu schaffen. Und drittens den Konsensraum: Er zeigt, was die beiden anderen Räume verbindet.

„Der Wissensraum in Salzburg ist extrem gut gefüllt: An vielen Institutionen und Unternehmen wird Wissen generiert. Doch der Innovationsraum ist praktisch nicht sichtbar“, sagt Garzik. Das vorhandene Wissen wird also kaum umgesetzt. „Auch der Konsensraum ist spannend in Salzburg: Die verbindenden Elemente sind vorhanden, es gibt einen Forschungsrat, es gibt Strategien und Gesetze. Aber die Institutionen wissen zu wenig voneinander oder interessieren sich nicht füreinander.“ Was kann man tun, um die Situation zu verbessern?

Die Studienautoren geben zwar keinen Leitfaden vor, nennen aber klare Tipps für eine stärkere Innovationskraft: „Ein Innovationsgeist muss von oben nach unten gehen. Das Management von Institutionen, in denen Wissen liegt, muss die Umsetzung vorantreiben“, sagt Garzik. Als Beispiel nennt er einen Doktorvater, der stark unternehmerisch denkt: „Ein von ihm betreuter Dissertant hat sehr hohe Chancen, ein Unternehmen zu gründen.“ Genauso sollten Rektoren, Geschäftsführer oder Manager das unternehmerische Denken in ihren Organisationen vorantreiben. „Wir haben die Analyse der Innovationskraft zu wissenschaftlichen Zwecken gemacht, wir wurden ja nicht als Berater bestellt oder von jemandem bezahlt. Es kann als Beispiel für andere Regionen dienen.“

Eine der Methoden, die hier erstmals für eine Innovationsanalyse herangezogen wurde, nennt sich Prognosemarkt. Mit dieser Technik der Meinungsumfrage werden seit den 1990er-Jahren Marktanalysen und andere Prognosen erstellt. Sie ist genauer als herkömmliche Frage-Antwort-Erhebungen. Wie an der Börse müssen die Umfragenteilnehmer mit Meinungen „handeln“: Stark in der Gesellschaft vertretene Meinungen werden so sichtbar. „Mit dem Prognosemarkt kann man die objektivierte Meinung der Menschen erfahren, nicht die subjektive“, erklärt Garzik. Subjektiv wäre etwa die Meinung, welches Smartphone sich ein Umfrageteilnehmer selbst kaufen würde. Objektiv ist jedoch seine Einschätzung, welche Marke sich im Laufe von zehn Jahren durchsetzen würde.

Aus den rund 600 Teilnehmern einer herkömmlichen Umfrage, die in dieser Studie gemacht wurde, konnte das Forscherteam 100 Menschen gewinnen, die am Prognosemarkt rund um die Innovationskraft des Landes mitmachen wollten. So zeigte sich in der Analyse etwa, dass objektivierte Meinungen, bei welchen Themen die beste Innovationswirkung zu erwarten ist, nicht immer mit den Themen übereinstimmen, die von der Politik angegangen werden. Ein Aspekt, der in der ursprünglichen Befragung nicht aufgefallen wäre.

 

Kreativpotenzial schlummert

Grundsätzlich kann man für Salzburg sagen, dass das Innovationssystem leidet, weil hier die kulturelle Tradition so stark ist. „Die Karrierepfade für junge Menschen sind stark auf Kultur und Administration ausgelegt, viele wählen einen traditionellen Beruf“, sagt Garzik. Daher bleibt nur ein kleiner Teil an jungen Menschen übrig, der sich für Innovationen einsetzt – seien es technische Innovationen oder auch soziale Innovationen, die genauso zur Innovationskraft eines Landes gehören.

„Salzburg hat so ein großes Potenzial an Kreativität. Das müsste man mit neuem Innovationsdenken verbinden“, so Garzik. Man sollte etwa institutionsübergreifend Studierende des Mozarteums mit technologischen Einrichtungen vernetzen. „Hier schlummert ungeahntes Kreativpotenzial.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2015)

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