Was nutzt dem Hamster der Winterschlaf?

In Wien werden seit mehr als 15 Jahren frei lebende Feldhamster erforscht. Die Forscher entwickelten auch einen Body-Mass-Index, um das Körperfett der Hamster zu bestimmen.

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Hamster – ORF/ Universum 'Es lebe der Zentralfriedhof'

Dass der Monat der Geburt einen Einfluss auf das spätere Leben hat, behaupten nicht nur Menschen, die an Horoskope glauben, sondern sogar Wissenschaftler. Beim Menschen variiert laut einer aktuellen Studie zum Beispiel das Risiko für bestimmte Krankheiten, je nachdem, in welcher Jahreszeit sie geboren wurden. Biologen um Eva Millesi vom Department für Verhaltensbiologie der Uni Wien wollen nun – ganz ohne Horoskop – herausfinden, wie sich das Geburtsdatum auf das Leben von Feldhamstern auswirkt.

„Das Besondere an Hamstern ist, dass sie – obwohl sie Winterschlaf halten – mehrmals pro Saison werfen können“, sagt Millesi. Kriecht ein Hamsterweibchen bereits Anfang April aus dem Winterbau, kann es bis zu drei Würfe großziehen, bevor es im Herbst wieder unter der Erde verschwindet. Ein Jungtier, das im August auf die Welt kommt, hat daher völlig andere Voraussetzungen, den kräfteraubenden Winterschlaf zu überleben, als ein Tier, das sich bereits seit Mai genug Fettreserven zulegen konnte.

Darum können spät geborene Hamster den Winter nur mit ausreichend Vorräten im Bau überleben, während die früh Geborenen von den Körperfettreserven zehren: Sie können also die kalte Jahreszeit größtenteils im Winterschlaf verbringen – ohne große Vorratskammer.

 

Der Kampf um die Weibchen

„Nach dem ersten Winterschlaf haben im Frühjahr selbst die größten spät geborenen Männchen im Kampf um paarungsbereite Weibchen kaum eine Chance gegen ihre älteren Artgenossen. Sie nutzen aber im weiteren Lauf des Jahres, wenn Weibchen für den zweiten oder dritten Wurf bereit sind, ihre Chance“, sagt Millesi. Genetische Untersuchungen belegten, dass ein Wurf eines Weibchens sogar mehrere Väter haben kann.

Nicht nur Jungtiere unterscheiden sich im Verhalten zur Überwinterung, sondern auch die Geschlechter. So wurden Weibchen während der gesamten Periode von April bis Oktober beim Eintragen von Nahrung beobachtet, während Männchen das Futter eher an Ort und Stelle verzehren.

„Das ergibt Sinn, da die Männchen auf der Suche nach paarungsbereiten Weibchen umherwandern und den Bau häufig wechseln“, so Millesi. Spätestens im August endet die Fortpflanzungsphase für die Männchen, dann können sie sich auf den Winter vorbereiten und genügend Fettreserven für eine lange Winterschlafperiode anreichern – was Weibchen kaum schaffen. „Das wirkt sich natürlich auf ihre Winterschlafdauer aus.“

Der Winterschlaf ist für den Körper ein hervorragender Energiesparmodus, eine Art Stand-by aller Körperfunktionen, die nicht lebensnotwendig sind. Zudem sind winterschlafende Tiere im Bau gut vor Fressfeinden geschützt. „Doch es hat auch Nachteile, Winterschlaf zu halten“, sagt Millesi. Das Immunsystem der Tiere wird heruntergefahren, sie sind anfällig für Krankheiten. „An Zieseln konnten wir zum Beispiel zeigen, dass die ausgedehnte Ruhepause dem Gehirn nicht guttut: Es kommt zu Gedächtnisproblemen nach dem langen, nahezu inaktiven Zustand.“

 

Aktiv in Aufwachphasen

Typischerweise gehen Tiere wie Igel, Fledermaus und Siebenschläfer im kühlen Herbst in den Winterschlaf. Die Körpertemperatur sinkt von über 30 auf etwa fünf Grad ab: abhängig von der Temperatur im Bau und der Tierart. Die Atmung und der Puls verlangsamen sich stark, es findet keine Darmausscheidung statt. Diese Ruhephase ist nicht ganz passiv. Ein Kontrollsystem überwacht die Körpertemperatur, wenn eine Grenzschwelle unterschritten wird, startet die interne Heizung.

Die Ruhephase wird bei allen Tieren von kurzen Aufwachphasen unterbrochen: Körpertemperatur, Atemfrequenz und Herzschlag steigen für wenige Stunden bis Tage auf das normale Level an. „Bis heute ist nicht geklärt, wie die Aufwachphasen reguliert werden und warum sie lebensnotwendig sind“, sagt Millesi. Hamster nutzen diese jedenfalls, um an den Vorräten zu naschen.

„Wir fragen uns nun, ob Feldhamster – falls Vorräte im Überfluss vorhanden sind, was in der Natur aber kaum vorkommt – ganz auf den Winterschlaf verzichtet könnten“, erklärt Millesi. Die Antwort darauf sucht ihr Team in Laborversuchen (siehe unten).

Für die Feldforschung ist derzeit das Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien Favoriten ihr Forschungsgebiet. In der weitläufigen Anlage wurden auf ausgewählten Untersuchungsflächen – koordiniert von der Dissertantin Carina Siutz – im vergangenen Jahr 74 ausgewachsene und 242 Jungtiere gezählt.

 

Gefärbte Haare im Hamsterfell

Manche Tiere werden zur leichteren Beobachtung mit ungiftigem Haarfärbemittel markiert. „Die Mitarbeiter und Krankenhausleitung sind sehr hamsterfreundlich eingestellt, das ist nicht überall so“, berichtet Millesi. Andernorts werden die unter Schutz stehenden Tiere als Plage gesehen.

Die Lebendfallen werden ständig kontrolliert, die Tiere darin gewogen und Kopf-, Körper- und Beinlänge gemessen. „Das dauert fünf Minuten pro Tier. Die Hamster gehen auch nach mehreren Fängen freiwillig in die Fallen, in denen wir Erdnussbutter anbieten. Hormonanalysen aus Kotproben zeigen, das das Fangen und Vermessen keinen nachhaltigen Stress für die Tiere bedeutet“, sagt Millesi.

Ihr Team entwickelte nun einen speziellen Body-Mass-Index für Hamster, um den Fettgehalt des Körpers anhand von Körpermaßen zu bestimmen. „Jetzt können wir nicht invasiv am lebenden Tier erkennen, wie viel Fett im Körper gespeichert ist, bevor sie in den Winterschlaf gehen und nachdem sie im Frühjahr wieder auftauchen.“

LEXIKON

Der Feldhamster, Cricetus cricetus, wird 20 bis 35 Zentimeter lang und wiegt zwischen 200 und 600 Gramm. Die Männchen sind meist größer, sie kommen im Frühjahr als Erste aus den Bauten. Weibchen werfen ein- bis dreimal pro Saison jeweils im Schnitt vier bis fünf Junge. Für Winterschläfer ungewöhnlich kann sich bei Feldhamstern die Säugezeit des ersten Wurfs mit der Tragzeit des nächsten Wurfs überlappen. Hamster legen zwar Wintervorräte an, halten aber trotzdem Winterschlaf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2015)

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