Erdbeben in Wien? Selten, aber möglich

Seismologe rät, Bruchlinien besser zu erforschen.

Die schlechte Nachricht: Die Störungsabschnitte im Wiener Becken sind groß genug, um schwere Erdbeben, ähnlich dem 2010 in Haiti, auszulösen. Die gute Nachricht: Der Markgrafneusiedler Bruch etwa produziert nur alle paar tausend bis 10.000 Jahre Erschütterungen. Das sagt der Seismologe Kurt Decker, der die Störungsbereiche gemeinsam mit Kollegen der Uni Wien untersucht hat. Er warnt davor, Bruchzonen als ungefährlich einzustufen, nur weil sie in den vergangenen Jahrhunderten inaktiv waren.

Chroniken von Klöstern, die über Naturereignisse berichten, sind meist nur ein paar hundert Jahre alt. Erdbebenaufzeichnungen gibt es erst seit etwa 1900. Das reiche nicht aus: Bei der Markgrafneusiedler Bruchzone habe sich etwa herausgestellt, dass sie in den vergangenen 100.000 Jahren mindestens fünf ähnlich schwere Erdbeben wie das in Haiti ausgelöst habe.


Bruchlinien charakterisieren

„Für eine verlässliche Gefährdungsabschätzung sollte man die Bruchlinien im Wiener Becken systematisch charakterisieren und herausfinden, wann sie große Erdbeben ausgelöst haben, wie oft das passiert ist und wie stark sie sein könnten“, sagt er. Die Hauptbruchlinie verläuft vom Semmering am Leithagebirge vorbei Richtung Marchegg und dann entlang der Kleinen Karpaten nach Dobra Voda, Slowakei. Sie bewegt sich einen Millimeter pro Jahr.

Von ihr zweigen andere Bruchlinien ab, etwa der besagte Markgrafneusiedler Bruch, der Aderklaaer Bruch, der Leopoldsdorfer Bruch und der Bisamberg-Nussdorf-Bruch. „All diese Brüche sind durch historische Erdbebendaten nicht vollständig charakterisiert und die Häufigkeit von Erdbeben, die sie produzieren können, ist unbekannt“, so Decker. Die verwundbare Wiener Region sei unzureichend erforscht. (APA)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2015)

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