Von altem Brauchtum bis Alpenerotik

Kulturanthropologie. Krampusläufe boomen, sie beschränken sich nicht mehr nur auf den 5. und 6. Dezember und auch nicht auf den Alpenraum. Der Krampus ist heute Teil einer globalen Populärkultur, die stark von Jugendlichen getragen wird.

A man dressed in a traditional Perchten costume and mask performs during a Perchten festival in the western Austrian village of Kappl
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A man dressed in a traditional Perchten costume and mask performs during a Perchten festival in the western Austrian village of Kappl
(c) REUTERS (DOMINIC EBENBICHLER)

Peitschen schnalzen, Ketten rasseln. Die unter ihren Fellen schwitzenden Gestalten rennen in Gruppen durch die Nacht, rempeln die Zuschauer an. Die Mädchen kokettieren mit ihnen, könnten ausweichen. Sie lassen sich von den Männern unter den Masken aber erwischen. „Diese Rituale sind immer auch Ausdruck von Sexualität“, sagt Kulturanthropologin Elke Mader, Leiterin des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien. Von Alpenerotik ist bei den Läufen gar die Rede. Es ist wieder Krampuszeit.

Und die dauert mittlerweile von Mitte November bis knapp vor Weihnachten, belebt auch den Adventtourismus. Für die Forscher ist das eine wichtige Zeit für ihre Feldforschung. Sie sind jedes Jahr bei mehreren Umzügen dabei. Die meisten Daten haben sie aber gemeinsam mit Studenten gesammelt, die sich im Land Salzburg selbst unter die Krampusse mischten.

„Es braucht einerseits viele Beobachter, um die facettenreichen Phänomene rund um den Krampus zu erfassen. Andererseits können junge Menschen dieses Kulturphänomen, das ja stark von Jungen getragen wird, besser ergründen. Wir wären ja die Großmütter unter den Krampussen“, scherzt Mader, selbst geborene Salzburgerin.

 

Woher kommt der Krampus?

Teilnehmende Beobachtung heißt die Methode, bei der auch Frauen mit den Passen, wie die Krampusgruppen genannt werden, mitzogen. „Immer mehr Gruppen nehmen auch Mädchen auf“, sagt Mader. Meist laufen sie aber als Engerl oder Hexen mit. Die Forscher fotografierten und filmten, führten Interviews. 13 Ordner mit gesammelten Beobachtungen lagern noch am Institut.

Tatsächlich ist der Krampus als Phänomen nur wenig erforscht. Selbst darüber, wo er herkommt, herrscht Uneinigkeit. Ist er eine keltische oder eine germanische „Erfindung“, oder geht die Figur auf die Passionsspiele der Gegenreformation zurück? Fest steht: „Der Krampus hat viele Gesichter. Jede Maske, jedes Kostüm ist anders, passt aber zur jeweiligen Passe“, sagt Anthropologin Gertraud Seiser.

Die Passen nutzen ihre Kostüme, um eine Gemeinschaft zu bilden, sich von anderen Gruppen abzugrenzen. „Es geht um ein Wir-Gefühl, die Mitglieder definieren sich über ihr Aussehen, über gemeinsame Rituale“, so Seiser. Vor allem bei den Jungen ginge es oft um ein Kräftemessen, wenn die Identität hinter einer Maske verschwindet. Bei Älteren spielten Brauch und Tradition eine größere Rolle.

 

Nazis verboten die Umzüge

Schlagen ist das Medium, mit dem Krampusse mit dem Publikum kommunizieren. Meist nur symbolisch angedeutet, immer wieder gibt es bei Umzügen aber auch Verletzte. Weil man Gewalt und Sittenverfall vermeiden wollte, waren Krampusumzüge zur Zeit der Gegenreformation sogar verboten: Man befürchtete, unter den Kostümen könnten sich Protestanten verbergen. Die Nationalsozialisten schätzten zwar die Tradition, das Ursprüngliche. Die Umzüge selbst verboten sie.

Im Krampus steckt der Teufel. Er zeigt sich mit Hörnern und Ziegenfuß, ist aber längst nicht mehr nur Begleiter an der Seite des guten Nikolaus. Das Gesicht gleicht meist einem Greis, ist Symbol für das zu Ende gehende Jahr. Es gibt Tierköpfe, die Werwölfen ähneln, aber auch weiche Masken wie von Naturwesen. Andere treten wiederum streng traditionell auf: Es ist klar geregelt, welche Hörner sie tragen, von welchem Schnitzer die Masken kommen, wie das Kostüm aussieht, das bis zu 25 Kilo wiegt. Die Wiener Anthropologen orten in den „echten“ Krampussen jedenfalls einen Gegentrend zur Virtualisierung.

Weiters beobachten sie weltweit eine Tendenz dazu, dass Menschen Rituale wieder hochhalten. Das ließe sich auch in der Politik oder dem Fußball mit seiner Fankultur feststellen. Dazu passt, dass der ursprünglich im Alpenraum beheimatete Krampus mehr und mehr zum internationalen Phänomen wird. In den USA gibt es mittlerweile mehrere hundert Krampusveranstaltungen pro Jahr.

Und nun hat auch Hollywood den Krampus entdeckt. Der gleichnamige Film läuft seit wenigen Tagen im Kino (siehe auch Seite 23).

LEXIKON

Passen heißen die Krampusgruppen, die sich regional in ihren Kostümen und Ritualen stark unterscheiden. In den vergangenen 20 Jahren wurden in vielen Gemeinden Österreichs neue Krampusgruppen etabliert, die sich oft als Vereine organisieren.

Mit teilnehmender Beobachtung,einem Instrument der qualitativen Sozialforschung, untersuchen Wiener Forscher die Passen. Dazu beteiligen sie sich gemeinsam mit Studenten auch selbst an den Umzügen, untersuchen die Passen quasi „von innen heraus“.

IN ZAHLEN

500 Krampusgruppen gab es 2014 allein in Salzburg, Tendenz steigend. Mindestens 100 Passen sind allein im Gasteinertal unterwegs. An einem großen Lauf nehmen bis zu 1000 Krampusse teil.

Das Phänomen des Alpenraums greift immer mehr auch auf die USA über.

25 Kilo wiegen die schwersten Kostüme. Allein die Masken haben bis zu sieben Kilo. Es gibt viele verschiedene Arten. Jede soll anders aussehen, aber zur jeweiligen Passe (Krampusgruppe) passen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2015)

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