Ein Blick auf das Ganze

Der Zeithistoriker Maximilian Graf bietet neue Perspektiven zum Fall des Eisernen Vorhangs. Er zeigt, dass die Ereignisse 1989 nur der Abschluss eines langen Prozesses waren.

Wenn Maximilian Graf von seiner Forschung spricht, kann und will er seine Begeisterung nicht verbergen. Und diese Begeisterung steckt an, denn was er erzählt, hat man so noch nicht gehört. Seine Dissertation hat er über die Beziehungen zwischen Österreich und der DDR geschrieben, und er war damit erfolgreich: 2014 erhielt er dafür den Karl-von-Vogelsang-Staatspreis. Mittlerweile betrachtet er seine eigene Arbeit aber kritisch: Die Beziehungen zwischen Österreich und der DDR seien zwar sehr spannend, würden aber gesamt gesehen sehr wenig aussagen. Was Graf nämlich erklären will, ist weitaus größer: den Fall des Eisernen Vorhangs 1989. „Es hat sich gezeigt, dass es nichts bringt, nur ein Land anzusehen“, sagt er dazu.

Die Wende werde derzeit meist sehr vereinfacht auf eine Verkettung von Ereignissen im Jahr 1989 zurückgeführt. Tatsächlich brauche es aber eine Langzeitperspektive. Und für diese sei die Rolle Österreichs wichtiger als allgemein angenommen. Das Buch darüber will Graf 2017 schreiben, wenn seine vielen derzeitigen Projekte abgeschlossen sind. Die ersten 60 Seiten gibt es aber schon, und wann immer er kann, forscht er weiter.

 

Weltweite Spurensuche in Archiven

Als er im vergangenen Jahr Fachvorträge in Paris, Washington, Genf, Stockholm, Berlin und Rom hielt, nutzte Graf die Aufenthalte auch, um in den dortigen Archiven weiterzusuchen. In Berlin hat er in den letzten Jahren besonders viel Zeit verbracht. An keinem anderen Ort könne man so gut zum Kalten Krieg arbeiten, denn die Dichte an Archiven sei einzigartig. „Man findet dort Wortprotokolle, in denen wortwörtlich abzulesen ist, was in den kommunistischen Parteien des Ostens gedacht wurde“, sagt er begeistert.

Doch auch nach Budapest fährt er oft. Die Beziehungen zwischen Ungarn, der DDR, der BRD und Österreich sei für seine Forschung nämlich besonders wichtig. Denn Ungarn hat sich schon in den 1970er-Jahren vermehrt Österreich und Westdeutschland zugewandt. Mit Österreich wurden schrittweise die Grenzen aufgelockert. Die BRD wurde für Ungarn nach und nach zum wichtigsten Handelspartner. „Beides führte zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Ungarn und der DDR“, sagt Graf. Schon 1988 sicherte Ungarn seinen eigenen Bürgern dann mit dem „Weltpass“ komplette Reisefreiheit zu. Der Höhepunkt sei zwar natürlich erreicht gewesen, als Ungarn 1989 DDR-Bürgern erlaubte, über Österreich nach Westdeutschland auszureisen. Ohne die Vorgeschichte ab den 1970er-Jahren sei der Kollaps des Eisernen Vorhangs aber einfach nicht zu erklären, sagt Graf.

Einen besonderen Fokus legt er auch auf Wirtschaftsgeschichte. Sie sei essenziell, um den Prozess, der zur Wende 1989 geführt hat, zu verstehen. Graf erforscht dazu die Position Österreichs genauer. Ein Beispiel: Die Wirtschaftspolitik richtete sich unter Bundeskanzler Bruno Kreisky weiter nach Osten aus. So pflegte Österreich ab den 1970er-Jahren auch intensive Handelsbeziehungen zur DDR und unterstützte damit die eigenen staatlichen Betriebe. Ostdeutschland war auf Kredite aus dem Westen angewiesen, um die Versorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. „Die DDR hat Kredite von Österreich bekommen und dafür hiesigen Staatsbetrieben Großaufträge erteilt, die wiederum mit dem ausgeliehenen Geld bezahlt wurden. Die Kredite konnten jedoch mit Waren, zum Beispiel Stahl, getilgt werden.“

Diese Hintergrundinformation ist Graf wichtig, um seine aktuelle Arbeit an einem innenpolitischen Skandal der frühen 1980er-Jahre einzuführen: Ab 1982 sei diese Form der Gegengeschäfte nämlich auf eine zweifelhafte Weise ausgelegt worden. Allgemein bekannt ist: Die Voest-Tochter Intertrading kaufte Öl in Libyen und verkaufte es direkt an die DDR weiter. Diese musste das Öl aber erst etwa ein Jahr später zu den dann geltenden Marktpreisen bezahlen. Die Voest machte vier Milliarden Schilling Verlust, der gesamte Vorstand musste gehen. „Ostdeutschland erhielt aber auch dafür Kredite. Damit sicherte Österreich 1982 die Zahlungsfähigkeit der DDR“, sagt Graf. Das sei bislang völlig unbekannt.

 

Keine Zeit mehr für Fußball

Privat bedauert Graf, dass es sich seit zwei Jahren nicht mehr ausgeht, mehrmals wöchentlich Fußball zu spielen. Zumindest hat es mit der Mannschaft der Akademie der Wissenschaften 2014 aber gereicht, den Science Soccer Cup zu gewinnen. Und das, obwohl seine Mannschaft die „älteste und schwerste“ gewesen sei. Nicht nur zu solchen Anlässen freue er sich auch über ein gemeinsames Glas Bier mit den Kollegen.

ZUR PERSON

Maximilian Graf (geboren 1984 in Wien) studierte Geschichte mit Fokus auf Zeitgeschichte, osteuropäische Geschichte und internationale Politik an der Universität Wien. Seine Dissertation schrieb er über die Beziehungen zwischen Österreich und der DDR. Ab 2010 arbeitete er für die Akademie der Wissenschaften. Seit 2015 ist er für das Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien tätig, an dem er bereits 2014 seinen ersten Lehrauftrag hatte.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2016)

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