Am Ende aßen sie ihre Lebensgrundlagen, die Bauern in Nipaatsog im Süden Grönlands, erst die Kühe, dann die Hunde, ihre Knochen bilden die letzten Lagen im Hausmüll. Dass das den Menschen nicht lange half, zeigt der Staub in den Zimmern: Unten sind Reste wärmeliebender Fliegen, oben die kältefester Arten, offenbar konnten die Bewohner nicht mehr heizen (Science, 275, S.9249).
So haben Archäologen bis in die feinsten Details zusammengetragen, wie die Norweger, die Grönland im zehnten Jahrhundert besiedelt hatten, im 14. Jahrhundert wieder verschwanden. Aber warum es zum Kollaps kam, ist nicht ganz klar, obwohl vor allem Jared Diamond und Peter Turchin Kriterienkataloge für solche Katastrophen erarbeitet haben. Sie umfassen vier Faktoren: externe soziopolitische Faktoren (Eroberung etc.) und interne (Bürgerkrieg etc.), externe ökologische Faktoren (Klimawandel etc.) und interne (Übernutzung der Ressourcen etc.). An jedem einzelnen können Gesellschaften zugrunde gehen, und lange vermutete man bei den Norwegern in Grönland, sie seien einem Dauerkrieg mit benachbarten Inuit – sie waren aus Neufundland eingewandert – zum Opfer gefallen. Aber darauf deutet nichts, auch Bürgerkriege scheiden aus.
Verhungert am gedeckten Tisch
Dafür waren beide ökologische Faktoren im Spiel. Als die Norweger einwanderten, konnten sie wirtschaften wie zu Hause: Milchwirtschaft und Karibujagd. Aber um 1300 kam die Kleine Eiszeit, bald konnte kein Heu mehr eingebracht werden. Holz auch nicht, die Siedler hatten alles gerodet. Das war das Ende – aber nur für die Norweger, nicht für ihre Nachbarn, die Inuit, die fischten und Robben jagten. Die Norweger sahen es, aber sie übernahmen es nicht – sie aßen nie Fisch oder Robben, verhungerten am reich gedeckten Meer –, das ist das Rätsel ihres Untergangs.
Hal Whitehead (Halifax) sieht die Lösung im Verlust des „individuellen Lernens“, das er vom „konformistischen sozialen Lernen“ unterscheidet. Zunächst wird in jeder Gesellschaft individuell gelernt, aber das ist mühsam, im Lauf der Zeit lernt man von anderen, vor allem Älteren. Das geht so lange gut, wie Gesellschaften nur auf langsamen Umweltwandel reagieren müssen. Aber bei großem und überraschendem Wandel führt das konformistische Lernen aus der Sackgasse nicht heraus bzw. tiefer in sie hinein. Whitehead sieht es in Computersimulationen – und im Kollaps der Norweger oder auch der Maya, und er zieht daraus die Conclusio: „Das Risiko eines Kollapsses kann durch Förderung des individuellen Lernens gegenüber der sozialen Konformität verringert werden.“ (Evolution and Human Behavior, 30, S.261). jl
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2009)
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