Rewilding: Steh auf, Wildnis!

Wo immer der Mensch hinkam, rottete er die großen Graser aus. Nun sollen sie wiederkehren. Das größte Projekt läuft in Sibirien.

Ein gut erhaltene Babymammut.
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Ein gut erhaltene Babymammut.
Ein gut erhaltene Babymammut. – Reuters

An den Wänden der Höhlen, an denen vor 30.000 Jahren Giganten der Kultur am Werk waren, da leben sie noch, die Giganten der Natur, die einst die Erde bevölkert haben, von den Mammuts abwärts. Alles danach sei Dekadenz, urteilte Picasso, als er Altamira zu Gesicht bekommen hatte, er meinte natürlich die Malerei. Aber auch von dem, was auf die Wände gebannt war, gibt es heute nur noch schwache Schatten. Die großen Tiere wurden ausgerottet, wo immer der Mensch hinkam, an der Spitze sanken die Elefanten bzw. Mammuts und Mastodons dahin, die blutige Spur zieht sich von Nordamerika bis Japan – ja, auch dort gab es Elefanten –, in Eurasien konnten sich Mammuts bis vor 3600 Jahren halten, hoch in Sibirien, auf den Wrangelinseln. Immerhin, Elefanten gibt es noch, hoch bedroht, vor allem in Afrika, an ihnen kann man studieren, wie die Großen eine Landschaft prägen: Wo Elefanten trampeln, da wächst zwar Gras, aber kaum Holz, Sträucher reißen sie aus, Bäume drücken sie nieder, sie fressen sie mit Haut und Haar, samt Blättern und Rinde. Die Größe des Effekts hat sich auf Versuchsflächen gezeigt, die mit Zäunen selbst für Elefanten unzugänglich gemacht wurden, dort kamen 80 Prozent mehr holzige Pflanzen hoch (Ecology Letters 15, S. 1211).

Bewohner gestalten Landschaften

Die Giganten gestalten also ihre Lebensräume, meist Grasländer, mit Bäumen: Savannen, oder ohne: Steppen. Natürlich tun sie das nicht allein, viele helfen, die riesigen Herden der Gnus etwa. Sie alle fressen nicht nur, sie scheiden auch aus: Große Herbivoren verbreiten Samen, und sie verbreiten Nährstoffe. Es gibt gar die Vermutung, Amazoniens Böden seien so karg, seit und weil nach der Ankunft des Menschen das Durchschnittsgewicht der Megafauna – dazu zählt alles über 45 Kilo – von 843 auf 81 Kilogramm gesunken ist: Kleinere wandern weniger weit, und sie verdauen rascher, die Versorgung der Böden mit Fäkalien dünnte sich aus. „Die Region verlor ihre Nahrungsarterien“, schloss Christopher Doughty (Stanford), der das alles bilanzierte (Nature Geoscience 6, S. 761).

Wie auch immer, Landschaften werden durch ihre Bewohner gestaltet, ohne sie verkommen sie. Das Phänomen zeigt sich extrem auf Inseln, den Aleuten etwa, die einst üppige Grasländer waren, ihre Nährstoffe bezogen sie aus dem Meer, mit dem Kot von Seevögeln: Guano. Dann setzten Pelztierjäger Füchse aus, und jene richteten unter den Vögeln solche Gemetzel an, dass im Jahr statt 361,9 nur noch 5,7 Gramm Guano auf den Quadratmeter niedergingen. Das einst dichte Gras wich dürrem Gestrüpp (Science 307, S. 1959).

Kann man das umdrehen, einer alten Natur dadurch aufhelfen, dass man ihre alten Gestalter wieder herschafft? Die Idee heißt „Rewilding“, sie wird zunehmend populär, im Ikonen-Projekt sollen Wölfe den Yellowstone Park retten, indem sie die Hirsche dezimieren, die keine Erlen mehr hochkommen lassen und damit Flussufer destabilisieren. Der Erfolg ist umstritten, eindeutiger zeigt er sich auf Inseln, auf denen wieder Riesenschildkröten angesiedelt wurden. Sie kann man, wie die Wölfe auch, irgendwo herholen – was aber macht man mit Arten, die es nicht mehr gibt, etwa mit Auerochsen, Uren?

Germanische Urstiere. „Sie sind in der Größe etwas unter den Elefanten. Ihre Stärke und Geschwindigkeit ist außerordentlich, sie schonen weder Menschen noch wilde Tiere, wenn sie sie erspäht haben.“ So schauerte Cäsar im „Gallischen Krieg“, er übertrieb, aber auf 1,8 Meter Schulterhöhe und eine Tonne Gewicht brachten es die Männchen mit ihren 1,3 Meter langen Hörnern schon. Es half ihnen nichts. „Darnach schlug er schiere einen Wisent, einen Elch und starker Ure viere.“ So hauste Siegfried, andere taten es ihm gleich, der letzte Ur fiel 1627 südlich von Warschau tot zu Boden, gewildert.

Aber die Gene blieben, in anderen Rindern: Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die deutschen Zoodirektoren Heinz und Lutz Heck mit dem Rückzüchten, 1938 ließen sie in einem 50-Hektar-Gehege in Ostpreußen erste „germanischen Urstiere“ frei, echte Ure waren das nicht, aber sie passten zur herrschenden Weltanschauung und zur Jagdlust des Reichsjägermeisters Göring, der laut britischer Presse „in den eroberten Gebieten Osteuropas eine urarische Wildnis erschaffen“ wollte. Nun ja, seitdem treiben rassewahnfreie Biologen die Rückzucht voran. Eben wurden erste Exemplare, auch sie noch keine echten Ure, im Donaudelta freigesetzt, sie sollen eine Insel baumfrei halten – für Vögel –, früher sorgte Schäferei dafür, sie wurde aufgegeben (Science 350, S. 1145).

Wald im Süden, Moos im Norden

Aber solche Projekte sind nichts im Vergleich mit dem, das Sergej Zimov, ein höchst sturschädliger Physiker, vor 20 Jahren in Sibirien begonnen hat: Auch dort war einst Grasland – im Pleistozän, bis zum Ende der Eiszeit –, Zimov nennt es „Mammutsteppe“. Dann kam der Mensch, räumte nicht nur die Namensgeber ab, sondern alle großen Graser, Wisente etc. Die Landschaft reagierte, zum Teil entstand Wald, zum Teil Moos; das durchnässt die Böden, macht sie nährstoffarm, hält sie nicht zusammen, sie haben keine Wurzeln. Diese grüne Matte ist nicht nur ein ästhetisches Problem: Unter ihr ruhen gewaltige Schichten Löss, voll mit Resten früherer Vegetation. Auch sie sind noch kein Problem, solange sie durchgefroren sind, Permafrost.

Aber auch Sibirien wird wärmer, und sein Permafrost speichert laut Zimov 500 Gigatonnen Kohlenstoff, 2,5-mal so viel wie alle Regenwälder zusammen (Science 308, S. 796). Er dringt als Treibhausgas (CO2, CH4) in die Atmosphäre, wenn der Boden taut und ihn nichts zusammenhält. Zimev will es abwehren, mit einem „Pleistozänpark“, in dem sich auf 160.000 Quadratkilometern – Österreich hat 80.000 – die alte Tierwelt tummelt. Das betreibt er, fast im Alleingang, in der Nordöstlichen Wissenschaftsstation in Yakutien, er holt große Graser – Moschusochsen, Bisons etc. –, wo immer er sie auftreiben kann, sie sollen das Land retten, sie sollen die Erde retten. Regional gelingt es, die Graser lassen wieder Gras wachsen, sie verdrängen das Moos und befestigen die Erde (Science 350, S. 1150). Kommen irgendwann auch die ganz Großen, die Namensgeber? Wer weiß, die jüngste Gentechnik rückt Mammuts in greifbare Nähe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2016)

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