Amerikaner sparen mehr für die Gesundheit

Je älter eine Gesellschaft ist, desto mehr gibt sie für Gesundheit aus. Wiener Ökonomen wollen wissen, ob dies die Wirtschaft schwächt. Dazu untersuchten sie auch Daten aus den USA.

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Steigende Gesundheitskosten in einer alternden Gesellschaft müssen sich nicht negativ auf die gesamte Wirtschaftsleistung eines Staates auswirken. Die Gesundheitsquote, d. h. der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt, ist in Österreich von 7,4 Prozent im Jahr 1990 auf 9,3 Prozent (2013) gestiegen. Parallel dazu steigt die Lebenserwartung und die Intensität der medizinischen Forschung.

Ökonomen und Demografen vom Wiener Wittgenstein Center haben untersucht, wie sich medizintechnische Innovationen angesichts der demografischen Entwicklung ökonomisch auswirken. Dabei wurden zunächst US-amerikanische Daten aus dem Jahr 2003 analysiert, erklärt der Leiter des FWF-Projektes Michael Kuhn vom Vienna Institute of Demography, das zur Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehört. Ein Computermodell zeigte das Verhalten aller Akteure im Gesundheitssystem. Ein Ergebnis ist, dass neue Therapien auch den Anreiz erhöhen, diese zu nutzen, um so vielleicht länger zu leben.

Für die USA ist demnach zu erwarten, dass die Bevölkerung angesichts der höheren Lebenserwartung bereit ist, für das Alter und die Gesundheitsversorgung zu sparen. Der medizinisch-technische Fortschritt bringt deshalb nicht nur höhere Gesundheitskosten des Staates, sondern auch eine höhere Sparquote der Bevölkerung mit sich. Das mathematische Modell zeigt, dass „die gesamtwirtschaftliche Leistung trotz der höheren Gesundheitsquote konstant bleibt“, so Kuhn. „Weil die Menschen sparen, um im Alter Gesundheitsleistungen finanzieren zu können, erhöht sich der Kapitalstock, aus dem technologische Innovationen finanziert werden können.“

 

EU: Weniger private Vorsorge

Für die Eurozone stellt sich die Situation etwas anders da, weil notwendige Gesundheitsleistungen meistens durch das öffentlich finanzierte Gesundheitssystem abgedeckt werden, während dies in den USA nur teilweise gilt.

Das heißt, dass weniger Menschen in der EU privat vorsorgen. Bei einer dementsprechend geringeren Sparquote geht Kuhn davon aus, dass ein sehr großes Gesundheitssystem „nicht wachstumsmaximierend ist“. Der Verlust an Wirtschaftskraft sei jedoch relativ gering, so Kuhn. Die Bevölkerung bevorzuge große Gesundheitssysteme und sei deshalb auch bereit, diese durch höhere Steuern zu finanzieren. „Die Eurozone ist tendenziell so reich, dass zusätzlicher Konsum den Menschen weniger bringt als ein Zugewinn an Lebenserwartung“, erklärt der Ökonom.

Doch auch Gesellschaften mit funktionierendem Sozialsystem droht eine Zwei-Klassenmedizin. Ausschlaggebend dafür kann die Kluft im Bildungsstand der Patienten sein. Bekannt sei aus amerikanischen Studien, so Kuhn, dass höher gebildete Patienten Leistungen, die auf medizinischen Innovationen beruhen, am leichtesten nutzen können. „Durch die Ungleichheit werden die Wohlfahrtsgewinne deutlich geringer“, sagt Kuhn. In solchen Fällen müsse „zumindest ausgeschlossen werden, dass die Bevölkerungsgruppen, die die medizinischen Innovationen nicht nutzen können, sie durch ihre Beiträge querfinanzieren.“

 

Nachteil für weniger Gebildete

Kuhn hält das österreichische Gesundheitssystem unter Verteilungsgesichtspunkten grundsätzlich für gut, „weil es eine verbindliche öffentliche Versicherung gibt, zu der alle beitragen müssen“.

Es lohne sich im Detail zu prüfen, wie die Benachteiligung ungebildeter Bevölkerungsgruppen ausgeglichen werden könne. „Wenn der Zugang zu Technologien komplexer wird, vergrößert sich der Vorteil der Gebildeten, der in der Interaktion mit dem Arzt ohnehin besteht“, berichtet er. „Für weniger Gebildete muss deshalb mit der Stärkung der individuellen Verantwortung der Patienten die Transparenz erhöht werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2016)

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