Alte Begleiter, treue Zeugen

Das Heer der Parasiten, die wir mit uns führen, gibt über unsere Geschichte feinere Auskünfte, als wir selbst bzw. unsere Gene es können.

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Verschiedene Arten Läuse – APA

Auch wenn sie Ihnen gleich zu Berge stehen: In jeder Wurzel Ihrer Haare haust ein Mitbewohner mit kräftigem Kiefer und sechs Beinen: Demodex folliculorum, die Haarbalgmilbe. Sie steht im Verdacht, bisweilen bei Hautentzündungen mitzuwirken, für gewöhnlich ist sie harmlos und macht sich nützlich, entsorgt abgestorbene Haut. Das tut sie seit eh und je, diese Milben entwickelten sich kurz nach den Säugetieren und besiedelten sie, vor etwa drei Millionen Jahren kamen sie auf unsere Ahnen, in vier Varianten, A bis D. Später erwanderten die Ahnen von Afrika aus die Erde, und die Milben bezeugen es: In Afrika gibt es heute noch alle vier Typen, auf dem Weg nach Asien kam einer abhanden, in Europa kam nur einer an (Pnas, 112, S. 15958).

Erhoben hat das Michael Palopoli (Brunswick), er hat auch bemerkt, dass Afroamerikaner noch die afrikanischen Milben haben und in die USA eingewanderte Asiaten/Europäer die ihren, offenbar liegt es an der Haut, sie wurde an unterschiedliche Regionen bzw. Klimata angepasst, etwa beim Wasser- und Fetthaushalt, und das Ergebnis mundete manchen Milben nicht.

Dadurch wurde Demodex der bisher letzte einer langen Reihe von Begleitern – meist unerwünschten –, die viel über Menschen erzählen können, oft mehr als diese selbst. Sie sind klein, reproduzieren sich rasch, differenzieren ihre Genome fein: „Zeig mir den Parasiten, und ich beschreibe den Wirt!“ So generalisierte der britische Tropenmediziner Richard Ashcroft, und über den Wirt kommt bisweilen Überraschendes zutage, etwa, dass – Ötzi ein Inder war. Das hat eben ein Bakterium verraten, es heißt Helicobacter pylori und bewohnt die Magenwand, kann sie krank machen, mit Geschwür und Krebs. Aber es muss auch zu etwas gut sein – vermutlich hilft es dem Immunsystem –, sonst hätte die Evolution es beseitigt.

So aber wurde es aus Afrika in die Welt getragen, an ihm rekonstruiert man lang schon Wanderbewegungen der Menschen: Man wusste etwa, dass der europäische Helicobacter ein Hybrid ist aus Stämmen von Nordafrika und Südostasien. Und man hielt es für selbstverständlich, dass die Variante aus Afrika als Erste in Europa war, der Mensch ist schließlich von Afrika über die Levante nach Europa gekommen!

Nein, das ist er nicht: Ötzi, der 1991 nach 5300 Jahren aus dem Eis kam, hat nur den indischen Stamm, Albert Zink (Bozen) und Thomas Rattei (Wien) haben es in Genanalysen des Mageninhalts gezeigt, der ist beim Eismann, anders als die Magenwand, noch da (Science 351, S. 162). Ergo: Unsere Ahnen wanderten nicht auf direktem, kurzem Weg nach Europa, sondern in einem riesigen Bogen über Ostasien.

Wer erwanderte Amerika? Andere, die nach Osten gezogen waren, blieben der Richtung treu, bis nach Amerika. Dort kamen sie vor etwa 15.000 Jahren an, und das ging, weil die Eiszeit die Meeresspiegel so gesenkt hatte, dass man trockenen Fußes die Beringstraße überqueren konnte. Allerdings marschierten die Wanderer nicht schnurstracks drauflos, sie brauchten Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende für den weiten Weg.

So stellt man sich das vor, aber ein Begleiter funkt dazwischen: Ancylostoma duodenale. Das ist ein Wurm, der den Darm plagt, lang schon, auch in Amerika, man hat seine Eier in einer 1100 Jahre alten Mumie in Peru gefunden und in 7200 Jahre alten Koprolithen – versteinerten Fäkalien – in Brasilien. Nur: In beiden dürfte er nicht sein, denn er lebt nicht durchgehend in Menschen, geht immer wieder ab, wird immer wieder aufgenommen. Die Zwischenzeit verbringt er auf dem Boden, aber jener der Beringstraße war viel zu eisig für ihn, er hätte die Wanderung nicht überlebt (Evolutionary Anthropology 23, S. 218). Also wurde Amerika doch anders besiedelt, von Polynesien her, wie manche vermuten?

Man weiß es nicht, aber Würmer können auch andere Gewissheiten zernagen, etwa die vom Segen der Hygiene, die die Römer sich und ihren Untertanen bescherten: Wasserleitungen, öffentliche Bäder und Toiletten, Abfuhr der Fäkalien. All das hat bei Parasiten keinerlei Entlastung gebracht, Piers Mitchell (Cambridge) hat es mit mühsamem Auszählen erhaltener Wurmeier gezeigt: Offenbar wurden in den Bädern viele Parasiten verbreitet, und was in den entsorgten Fäkalien war, blieb nicht dort, wo man sie nutzte.

Man düngte damit, und mit der Ernte kamen die Plagen zurück, Entamoeba etwa, der Erreger der Amöbenruhr, und ganze Heerscharen von Würmern, darunter der Fischbandwurm, er wird bis zu 20 Meter lang. Der tauchte mit den Legionen auch dort auf, wo es ihn zuvor nicht gegeben hatte: Die Römer brachten ihn mit, in Garum, ihrer Lieblingswürze, sie muss schauerlich geschmeckt haben, war aus Fischen hergestellt, man kochte sie nicht, sondern ließ sie in der Sonne verrotten – pardon: fermentieren –, das überlebten Wurmeiern leicht (Parasitology 7. 1.).

Natürlich hatten die Römer auch Ektoparasiten, das sind jene außen auf dem Leib, Läuse etwa, die haben schon manches Kopfschütteln ausgelöst: Es gibt zwei Arten bzw. drei Typen, Pediculus humanus, sie hat sich differenziert in Kopf- und Kleiderlaus, Letztere ging aus Ersterer hervor, sie sind einander ähnlich, bevorzugen nur unterschiedliche Habitate. Das tut auch Phthirus pubis, die Filzlaus, sie mag die warme Feuchte der Schamhaare. An der Abspaltung der Kleider- von der Kopflaus kann man theoretisch bestimmen, seit wann Menschen sich überhaupt mit Kleidung bedeckten: Seit 72.000 Jahren, berechnete Mark Stoneking vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig (Current Biology 13, S. 1414).

Daran gab es Zweifel, andere kamen auf andere Werte, es hängt an der Mutationsrate der Läuse, die ist ungewiss. Ein ganz grundsätzliches Rätsel hingegen stellt die Filzlaus: Ihre nächste Verwandte und Ahnfrau ist Phthirus gorillae, die Filzlaus des Gorillas, sie kam vor 3,3 Millionen Jahren auf unsere Ahnen (BMC Biology 5, S. 7). Wie? Filzläuse gehen nur bei engem Kontakt von einem Körper auf den anderen, sie brauchen immer Wärme. Kontakt an den Schamhaaren? Nun ja, den kann es auch im Kampf geben. Oder unsere Ahnen haben sich in noch warme Gorillanester gebettet, deren Erbauer gerade weitergezogen sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2016)

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