Politische Partizipation durch Protestaktionen

Der Protest – von Demonstrationen bis zu Hausbesetzungen – ist Teil der Politik. Wiener Politologen wollen wissen, was Bürger auf die Straßen treibt und analysieren Protestereignisse von 1998 bis 2015.

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(c) REUTERS

Der Protest galt in der Wissenschaft lange Zeit als ein Krisensymptom der Gesellschaft. Gingen Bürger für ihre Angelegenheiten, egal welche, auf die Straße, werteten Forscher dies bis in die 1970er-Jahre als eine schwierige Entwicklung der politischen Lage: Ablehnung als Zeit der Gefährdung für eine stabile Gesellschaft. „Heute wird akzeptiert, dass Proteste eben auch ein Teil von kritischer Partizipation und Meinungsäußerung sind“, sagt Martin Dolezal. Er arbeitet am Institut für Staatswissenschaft der Uni Wien.

Natürlich wird nicht jede Form von Protest als positiv bewertet, gerade wenn diese gewalttätig ist. Da aber Widerspruch und Gegenstimmen gewissermaßen die Spiegelung von politischen Auseinandersetzungen sind, rücken Unmutskundgebungen zunehmend ins Zentrum der Forschung.

Dolezal und sein studentisches Team untersuchen daher im vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Projekt „Die österreichische Protestarena im 21. Jahrhundert“ eben diesen: Darunter fallen Demonstrationen, Kundgebungen, Unterschriftensammlungen, aber auch härtere Formen, wie Hausbesetzungen oder Straßenblockaden, im Zeitraum zwischen 1998 und 2015.

 

Die Presse über Proteste

Die Quellen sind Meldungen der österreichischen Presseagentur (APA). Die Forscher durchsuchen die Nachrichten mit relevanten Schlagworten. Sie arbeiten mit einer quantitativen Inhaltsanalyse und nennen sie „Protestereignisanalyse“. Das Hauptproblem für die Politologen ist der hohe Trefferanteil der Suche: Geben sie etwa das Schlagwort Versammlung ein, muss es sich nicht zwingend um einen Protest handeln. Die Presseaussendungen müssen daher gelesen und weiter gefiltert werden.
Die Anzahl der APA-Meldungen, die es nun zu analysieren gilt, entspricht 188 zu 210 Treffern. Da gilt es, viele Nachrichten zu lesen: Bislang arbeitet Dolezal mit vier Studenten zusammen, es könnten aber mehr werden.

Die Analyse zahlt sich aus: Die APA-Meldungen beschreiben den Ort, das Datum, die Aktionsform, die beteiligten Organisationen, die Teilnehmerzahl und die thematischen Forderungen. Zudem wird der Protest auch beschrieben und weist somit auf die Bedeutung des Ereignisses hin.

Mit dieser Quelle ist außerdem eine ausgewogene Abdeckung möglich: Qualitäts- oder Boulevardzeitungen haben den Nachteil, dass sie immer „einen gewissen regionalen Schwerpunkt haben“, sagt Dolezal. Forscher anderer Länder haben noch Zugang zu Polizeiberichten. Das ist in Österreich wegen des Datenschutzes verboten.

 

Digitaler Protest ist diffus

Digitaler Protest auf sozialen Medien ist für die Wiener Politologen nicht relevant. Das Internet spielt zwar bei der Organisation eine große Rolle, bleibt aber eine diffuse Protest-Plattform: „Es ist leicht etwas anzuklicken und das als Partizipation zu werten, aber ein Mausklick erfordert wenig Engagement und wenig Dauerhaftigkeit“, sagt Dolezal. Die physische Präsenz ist auch im 21. Jahrhundert eine größere Herausforderung als die Digitale, weshalb der traditionelle Protest noch immer relevanter ist.

Die Forschung steht am Anfang. Eines lässt sich aber bereits sagen: Ökonomische Themen treiben die Bürger in Österreich weniger häufig auf die Straßen als anderswo, denn die wirtschaftliche Lage bleibt hierzulande auch in Krisen relativ stabil. (por)

Lexikon

Protest ist in der Diplomatie die formelle Nichtanerkennung eines durch einen anderen Staat geschaffenen Zustandes, etwa bei Gebiets- und Neutralitätsverletzungen. Gehen die Bürger des eigenen Staates auf die Straße oder sammeln Unterschriften, ist das ein innerstaatlicher Protest. Die Akteure weisen hierbei auf Missstände oder Versäumnisse der Politik hin. Die Themenpalette der Mobilisierung reicht von Umweltschutz, über ökonomische Krisen bis hin zu Flüchtlingsströmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2016)

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