Ein digitaler Tatortassistent für die Polizei

Computergrafik. Ein neues 3-D-Werkzeug soll ein umfassenderes Bild von Verbrechen bringen als bisher. Zusätzlich lassen sich Notizen, Fotos oder Landkarten integrieren. Künftig könnte so auch ein virtueller Lokalaugenschein möglich werden.

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Gipsabdrücke von Landschaftsausschnitten und Papiermodelle von Innenräumen zeugen davon, wie sich Ermittler schon vor rund hundert Jahren ein plastisches Bild von Tatorten machen wollten. Der Strafrechtler Hans Gross nutzte die Methoden seiner Zeit, um einen dreidimensionalen Eindruck vom Ort eines Verbrechens zu gewinnen. Er leitete das 1913 an der Uni Graz gegründete k. k. Kriminalistische Institut – das weltweit erste dieser Art. Gross gilt damit international als Begründer der Kriminalistik.

Heute betätigen sich Grazer Forscher wieder als Pioniere der Tatrekonstruktion. Ein interdisziplinäres Team aus Medizinern, Technikern, Juristen und auch Historikern entwickelt am Ludwig-Boltzmann-Institut (LBI) für Klinisch-Forensische Bildgebung ein Aufnahmegerät, mit dem sich jeder Tatort dreidimensional abbilden lassen soll. „3-D-Modelle dokumentieren die räumliche Situation am Tatort weit umfassender als Fotos oder Skizzen. Das kann bei der Rekonstruktion eines Verbrechens entscheidend sein“, sagt Alexander Bornik, Projektleiter von „CSISmart- Scan3D“.

 

Rechtsmediziner unterstützen

Der Computergrafik-Experte hat sich schon zuvor mit Forensigrafie (siehe Lexikon), dem Einsatz von bildgebenden Verfahren zur Aufklärung von Gewaltverbrechen, befasst. 3-D-Darstellungen von Magnetresonanz- und Computertomografiedaten ergänzen die Arbeit von Rechtsmedizinern – etwa wenn Zusammenhänge zwischen inneren und äußeren Verletzungen geklärt werden müssen.

Mit der neuen, im Kiras-Programm des Technologieministeriums geförderten Forschung, gehen die Wissenschaftler nun einen Schritt weiter und wollen eine Lücke zwischen polizeilichen Ermittlungen und rechtsmedizinischer Fallanalyse schließen. Das soll mit dreidimensionalen Modellen von Tatorten gelingen, die der Polizei künftig routinemäßig und in bisher ungekanntem Umfang zur Verfügung stehen sollen. Polizisten sollen schon bei der Aufnahme vor Ort Spuren im 3-D-Modell markieren, Fotos zuordnen und andere Fundstücke ergänzen können. In einem weiteren Schritt soll das Modell auch vorhandene 3-D-Daten der Umgebung, etwa aus Google Earth, berücksichtigen. Zugleich wird der Tatort digital konserviert: Die Ermittler können jederzeit auf das Modell zugreifen, selbst wenn alles aufgeräumt und Spuren so für immer beseitigt sind.

 

Kein Tatort gleicht anderem

Bereits am Markt erhältliche Rotationslaserscanner, die über die Laufzeit des Lasers die Distanz zur nächstgelegenen Oberfläche ermitteln, sind zu teuer für den breiten Einsatz. „Es würde die Ermittlungen zu sehr verzögern, wenn sie erst mit dem Helikopter von Wien nach Vorarlberg geflogen werden müssen“, sagt Bornik. Zudem liefern einzelne Aufnahmen ein unvollständiges Modell. Um viele Perspektiven zu sammeln und zu kombinieren, fehlt meist die Zeit.

Bisher genutzte Systeme stoßen auch oft an ihre technischen Grenzen, weil kein Tatort dem anderen gleicht. Die Geräte müssen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen funktionieren. Im Freien etwa bringt schlechtes Wetter schlechtes Licht. Sind wiederum in Innenräumen die Wände kahl, versagen etwa fotogrammetrische Methoden. Die Ermittler brauchen aber unter allen Umständen scharfe, gut nutzbare Aufnahmen.

Damit der neue, digitale Tatortassistent für alle denkbaren Szenarien gewappnet ist, kombinieren die Forscher unterschiedliche, möglichst kostengünstige Sensoren in einem Gerät. Die Daten verbinden sie zu einem Modell. Dazu braucht es auch Bewegungssensoren, die durch ruckartige Bewegungen entstehende Fehler ausgleichen: etwa, wenn der Tatortermittler beim Filmen über Hindernisse steigt.

 

Virtueller Lokalaugenschein

Nicht mehr als zwei Kilogramm soll der erste Prototyp wiegen, wenn er – voraussichtlich im Herbst – fertig ist. „Er soll möglichst handlich sein, nur unwesentlich größer als ein Tablet“, so der Forscher. Jedenfalls bekommt er ein großes Display, so dass der Ermittler das entstehende 3-D-Modell sofort sieht. Die Wissenschaftler wollen das Gerät dann gemeinsam mit der Polizei an gestellten Tatorten testen und weiterentwickeln. „Jeder Ermittler muss es schnell und einfach bedienen können“, sagt Bornik.

Einen virtuellen Lokalaugenschein zu ermöglichen, mit dem man jederzeit an einen Tatort zurückzugehen kann, ist zwar nicht Teil des aktuellen Projekts, könnte aber ein weiterer Schritt sein. Dann könnte man, ähnlich wie in 3-D-Computerspielen, an den Tatort zurückgehen und etwa prüfen, ob der Täter das Opfer sehen konnte oder die Schussrichtung plausibel ist.

LEXIKON

Forensigrafie nutzt bildgebende Verfahren, um Gewaltverbrechen an Lebenden oder Toten aufzuklären. Verwendet werden neuerdings vor allem Magnetresonanztomografie, Computertomografie oder 3-D-Oberflächenscanner. Kriminalfälle sollen sich so nicht nur leichter lösen lassen, sondern sind auch für Juristen oder Geschworene im Gerichtssaal leichter nachvollziehbar. Durch die neuen Methoden können Gutachten auch noch erstellt und geprüft werden, wenn der Tatort längst aufgeräumt ist. Das soll der Rechtssicherheit dienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2016)

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