Apachen und Mohikaner sind keine „Indianer“

„Indianer“-Darstellungen in deutschsprachigen Filmen, Texten und Bildern sind überholte Stereotype. Eine Kanadierin forschte in Wien zu diesen Klischees und weiß, warum Winnetou so erfolgreich war und ist.

Winnetou I
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Winnetou I
(c) ORF (-)

Karl May wurde 1842 im ostdeutschen Sachsen geboren und dort verstarb er 1912. Er erfand die Romanfigur Winnetou. In Deutschland waren und sind Generationen hingerissen vom „Indianer“, der nie gelebt hat. Der stolze, edle und naturverbundene Winnetou prägt das Bild des nordamerikanischen Ureinwohners in Mitteleuropa bis heute.

Doch indigene Künstler rütteln an genau diesem verbreiteten Bild des „Indianers“. Nicole Perry beschäftigte sich im Rahmen eines Lise-Meitner-Stipendiums des Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) mit den Gegenentwürfen indigener Schriftsteller, Regisseure, Maler und Fotografen. Sie war überrascht, wie kreativ sich die Künstler mit dem Fremdbild des „Indianers“ auseinandersetzen: „Eigentlich spielen und überzeichnen sie die von außen aufgesetzte Rolle des ,Indianers‘“, sagt die Kanadierin, die am Institut für Germanistik an der Universität Wien arbeitet. Sie lösen die fremde Identität mit schwarzem, zum Teil sexualisiertem Humor und mit Satire auf. Der kanadische Künstler Kent Monkman zählt zu den Fallbeispielen, die Perry untersuchte. Er porträtiert indigene Frauen und Männer mit Federschmuck und High Heels, lässt sie auf Krokodilen reiten und Cowboys küssen, zeichnet sie beim Zeichnen eines mit Pfeilen niedergestreckten Weißen oder stellt sie als Toreros dar, die Büffel in asphaltierten amerikanischen Vororten niederstrecken. Kurz: Er spielt mit Klischees und spinnt sie ad absurdum fort.

Der Filmemacher Bear Witness schneidet etwa Sequenzen von Winnetou-Filmen mit Computerspielen zusammen, wo „indianische“ Kämpferfiguren auftreten: Das verdeutlicht die Künstlichkeit beider Darstellungen.

 

Winnetou und die Deutschen

Der Apachenhäuptling in Gestalt von Pierre Brice ist vorrangig ein deutschsprachiges Phänomen. Winnetou war und ist ein „indianische“ Verkaufsschlager: Bücher, Hörspiele, Filme, Musicals, Hotels u. v. m. erhalten ein neuromantische Bild des edlen Wilden.

Karl May wusste um das Interesse der Deutschen an Amerika, gerade als es noch ein junges Land war, Perspektiven bot und demokratisch geführt wurde – im Gegensatz zu den meisten europäischen Staaten. Eigene koloniale Interessen spielten auch hinein. Amerika war ein Vorbild dafür, wie mit Ureinwohnern umgegangen werden sollte. Für May war der „Indianer“ zwar edel, aber wild. Er hatte der Moderne nichts entgegenzusetzen: „Sein Ureinwohner war ein sterbender Mensch – ein Teil der Vergangenheit“, sagt Perry.

Winnetou blieb eine deutsche Figur, die mit dem deutschen Old Shatterhand befreundet war. Man sollte hier wissen, dass vor dem Ersten Weltkrieg Deutsch die am zweitmeisten gesprochene Sprache in Amerika war, dass beinahe jede deutsche Familie Verwandte oder Bekannte in Nordamerika hatte. May wusste und nutzte auch das.

 

Stammesnamen bevorzugt

Er schuf ein „Indianer“-Bild für Generationen. Jedoch ein falsches, das nun von den Künstlern gebrochen werd. Im Übrigen will niemand von ihnen als „Indianer“ bezeichnet werden. Sie bevorzugen Begriffe wie Natives, Indigene oder Ureinwohner. Noch lieber sind ihnen ihre Stammesnamen, etwa Apache, Mohikaner oder Iowa, so wie die meisten Europäer gern als Deutsche, Italiener oder Spanier bezeichnet werden. (por)

IN ZAHLEN

400.000 Bücher verkaufte Karl May bereits in der Erstauflage seiner Abenteuerromane, darunter die Geschichten vom Apachen Winnetou.

200 Millionen Werke von May sollen weltweit aufgelegt sein. Das macht sie mit zu den meistgelesenen deutschen Schriften.

100 Millionen Werke Karl Mays sollen allein in Deutschland aufgelegt sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2016)

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