Fluch und Segen von Rohstoffen

Erdöl und andere natürliche Ressourcen können die Entwicklung eines Landes behindern, etwa indem sie bewaffnete Konflikte fördern. Eine Wiener Ökonomin entwickelte spieltheoretische Modelle.

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(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Nigeria ist ein reiches Land. Zumindest in einem gewissen Sinn: Das Nigerdelta ist eine der ölreichsten Regionen der Erde, Nigeria der weltweit sechstgrößte Erdölproduzent. In wirtschaftliche Entwicklung konnte das aber nicht übersetzt werden, im Gegenteil: Armut, Korruption und gewalttätige Auseinandersetzungen machen das Land zum Paradebeispiel für den „Rohstofffluch“. „Die Wirtschaftswissenschaften gehen eigentlich davon aus, dass mehr Ressourcen bessere Chancen für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes bedeuten“, meint Katharina Wick. „Allerdings zeigen empirische Befunde, dass oft das Gegenteil der Fall ist, dass rohstoffreiche Länder ein geringeres Wirtschaftswachstum haben.“ Die gebürtige Wienerin Wick hat sich in ihrem PhD-Studium an der Universität Tilburg (Niederlande) dem Thema „Conflicts, Development and Natural Resources“ gewidmet, derzeit forscht sie an der Universität für Bodenkultur über nachhaltige Wirtschaftsentwicklung.

Ein Erklärungsansatz für das paradoxe Phänomen des Rohstofffluchs ist die „Holländische Krankheit“ („Dutch Disease“). Demnach zieht die Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen Kapazitäten (Kapital und Arbeit) von der herstellenden Industrie ab, welche für ein nachhaltiges Wachstum aber wichtiger wäre. In den 1990er-Jahren wurde ein weiterer Aspekt betont: Institutionen, also etwa Rechtsstaatlichkeit oder die Qualität der Bürokratie. Ressourcen beeinflussen demnach die „institutionelle Qualität“ in einem Land, die wiederum das Wirtschaftswachstum fördert oder behindert. Wick: „Das schuf auch die Möglichkeit, die Variation in den empirischen Ergebnissen besser zu erklären. Denn es gibt auch Gegenbeispiele zum Fluch, etwa Malaysia, das sich sehr erfolgreich entwickelt hat.“


Umgang mit Konflikten. In ihrer Dissertation, von der einzelne Kapitel in renommierten Fachzeitschriften erschienen sind, hat sich Wick vor allem mit dem Thema Konflikte beschäftigt. „Rohstoffvorkommen können zum Entstehen von bewaffneten Auseinandersetzungen beitragen.“ Wicks bevorzugte Methode war die Spieltheorie. „Ich habe mir Zusammenhänge vorgenommen, die zum Teil empirisch beobachtet wurden, und habe die genauen Mechanismen mit mathematischen Modellen offengelegt. Diese formalen Modelle sind ein gutes Vehikel, um komplexe Zusammenhänge systematisch darzustellen, sie zwingen dich, strukturiert und konsistent zu denken.“

Ein Modell zeigte, warum ineffektive Herrscher für ressourcenreiche Länder von Vorteil sein können. „Ich bin davon ausgegangen, dass die Regierung zwei Optionen hat: Entweder sie geht gegen potenzielle Rebellen in der Bevölkerung, die auch einen Anteil an den Rohstoffen haben wollen, mit militärischer Gewalt vor. Oder sie investiert in öffentliche Güter, steigert damit die Einkommen der Bevölkerung, was deren Anreiz zum bewaffneten Kampf sinken lässt, weil sie mehr zu verlieren hat.“ Das Ergebnis: Investitionen in öffentliche Güter sind – relativ gesehen – schlechter für die „effektivere“ Partei. Die Regierung bzw. der Herrscher wird also die Investitionen dann tätigen, wenn er selber „schwach“, wenig durchsetzungskräftig ist. Ist dieser Zugang nicht stark vereinfachend? „Natürlich. Ich würde ausschließlich auf der Basis eines solchen Modells auch niemals Politikempfehlungen abgeben. Es spielen sehr viele andere Faktoren mit hinein, beispielsweise ethnische Gruppen, das alles ist in diesem Fall nicht modelliert. Es geht darum, einen speziellen Mechanismus zu beschreiben.“ Die Modelle seien zudem gerade in Entwicklungsländern oft eine gute Annäherung an die Realität. „Es handelt sich bei rohstoffreichen Staaten oft um diktatorische Regime. Dieses Modell wäre etwa auf eine Demokratie nicht anwendbar, dort gibt es ganz andere Entscheidungsprozesse, die Regierung muss an ihre Wiederwahl denken usw.“


Verteilung der Ressourcen. In einem anderen Modell behandelte Wick einen Zusammenhang, der ebenfalls aus empirischen Untersuchungen bekannt ist. So hat die geografische Konzentration des Rohstoffs Einfluss darauf, ob seine Auswirkungen auf Wachstum und Entwicklung positiv oder negativ sind. „Wenn die Rohstoffe stark konzentriert sind – ein klassisches Beispiel dafür ist etwa Erdöl –, dann werden sie leicht zum Problem. Bei fruchtbarem Ackerland oder Wäldern mit Edelhölzern, deren Vorkommen breit gestreut ist, eine große Fläche beansprucht, ist der Effekt tendenziell positiver.“ Die Modellierung zeitigte ambivalente Ergebnisse: Bei konzentrierten Ressourcen ist der „marginale Nutzen“ sehr hoch, das heißt nur wenig mehr an militärischem Aufwand kann viel bringen – nämlich die Kontrolle über die gesamten Rohstoffvorkommen. „Das schafft einen Anreiz, mehr Anstrengung in den Konflikt zu investieren. Andererseits wird der Konflikt dadurch irgendwann so intensiv und damit so kostspielig, dass es sich für eine der beiden Parteien einfach nicht mehr auszahlt“, sagt Wick.


Zweifel am Fluch. „Was die Auswirkungen auf das Wachstum betrifft, ist die gesamte Debatte über Segen oder Fluch von Rohstoffen derzeit sehr im Wanken“, so die Ökonomin. „Es wurden viele Erklärungen für den negativen Zusammenhang zwischen Rohstoffen und Wirtschaftsleistung angeboten, aber mittlerweile ist man sich nicht einmal mehr sicher, ob es ihn überhaupt gibt.“ Vor allem das sogenannte Simultanitätsproblem bereite Schwierigkeiten. Es könne sein, dass die Ressourcenabhängigkeit eines Landes zu niedrigerem Wachstum führe. Es kann aber auch umgekehrt sein – dass ein niedriger Entwicklungsstand zur Folge hat, dass ein Land stärker auf Rohstoffe angewiesen ist. Ein zusätzliches Problem ist die Verfügbarkeit von Daten: Bis vor wenigen Jahren gab es keine zuverlässigen Zahlen über die Ressourcenausstattung von Ländern, daher behalf man sich eben mit der Ressourcenabhängigkeit, also etwa dem Anteil von Rohstoffen an den Gesamtexporten eines Landes. Die neuen Daten könnten also zu ganz neuen empirischen Ergebnissen führen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2009)

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