Ulrike Felt: "Es gibt keine grenzenlose Freiheit"

Verantwortung in der Forschung beginnt im Kleinen, sagt die Wiener Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt. Der Druck auf Wissenschaftler steigt, und weitreichende Folgen von Fehlverhalten werden oft nicht bedacht.

Ulrike Felt, Wissenschaftsforscherin, Uni Wien
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Ulrike Felt, Wissenschaftsforscherin, Uni Wien
Uni Wien

Die Presse: Sie leiten die neue Forschungsplattform Responsible Research and Innovation in Academic Practice an der Uni Wien. Was bedeutet Verantwortung in der Wissenschaft?

Ulrike Felt: Es gibt nicht die Verantwortung in der Wissenschaft. Sie manifestiert sich in der täglichen Forschungsarbeit vielfältig. Welche Fragen stellen wir und welche nicht, aus moralischen oder finanziellen Gründen? Wie geht man mit Daten verantwortlich um? Wie kommunizieren wir als Wissenschaftler? In den Lebenswissenschaften kann ich z. B. die Manipulation von Viren erforschen. Einerseits lernen wir, wie das Virus übertragen wird. Andererseits auch, wie man es einsetzen kann, um Menschen zu schaden. Es gab etwa große Diskussionen, ob Forscher Ergebnisse publizieren dürfen, die aufzeigen, wie man Viren, die sonst nur von Tieren übertragen werden, so manipulieren kann, dass sie auch von Mensch zu Mensch übertragbar werden.

Damit stellt sich die Frage, ob der Mensch alles tun soll, was er tun kann?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Wir müssen klarmachen, dass Wissen per se nicht immer unproblematisch ist. Derzeit herrscht der dominante Diskurs, dass jede Innovation automatisch Fortschritt bedeutet. Darüber wird vergessen, den Unterschied zwischen „Kann ich das machen?“ und „Soll ich das machen?“ zu bedenken.

Können Forscher trainieren, sich solche Fragen zu stellen?

Wissenschaftler sollten sich in ihrer Karriere immer wieder damit auseinandersetzen. Derzeit wird die Verantwortung eher bürokratisch gehandhabt: „Ich muss ein Formular ausfüllen, dann ist alles in Ordnung.“ Wichtiger wäre, sich im Prozess der Forschung vorausschauend zu überlegen, welche Konsequenzen dieses Wissen haben kann.

Hätten solche Überlegungen die Erfindung der Atombombe gestoppt?

Verantwortung in der Wissenschaft beginnt ja nicht bei den großen Dingen wie der Atombombe oder der genetischen Manipulation von Viren, sondern in der alltäglichen Praxis: Verantwortung beginnt bei der Frage, wie ich meine Arbeit erledige, wie ich Ergebnisse dokumentiere oder was ich als Wissenschaftler verspreche, um an Gelder und Förderungen zu kommen. Diese Reflexionsfähigkeit zu üben, hilft dann auch bei den größeren Themen.

Der Druck im täglichen Geschäft der Wissenschaft hat aber zugenommen . . .

Und wie: Karriere machen, dazu der Druck, Gelder einzuwerben oder immer der Schnellste oder Erste bei irgendetwas zu sein. Forscher veröffentlichen Daten, die nicht fertig kontrolliert sind. Studien aus der biomedizinischen Forschung zeigen, dass viele publizierte Ergebnisse nicht wiederholbar sind und manche Anwendungen auf Daten basieren, die betrügerisch verändert wurden. Oft waren nicht große Fälschungen das Ziel, sondern es fängt klein an, beim Frisieren von Daten. Wir müssen uns darauf konzentrieren: Wie wird im alltäglichen wissenschaftlichen Arbeiten Verantwortung wahrgenommen?

Können Forscher die Richtlinien selbst bestimmen?

Geschichtlich gesehen hat man dies versucht: Es gab etwa 1975 die große Konferenz im kalifornischen Asilomar über Forschung mit gentechnisch veränderten Organismen. Da wurde beschlossen, dass man bestimmte Dinge noch nicht tun soll (Anm: Etwa nur Bakterien für fremde DNA zu verwenden, die außerhalb des Labors nicht lebensfähig sind.) Damals war die wissenschaftliche Gemeinschaft noch relativ überschaubar. Wir könnten heute hier in Österreich, hier in Europa oder in der westlichen Welt beschließen, dass wir zum Beispiel bestimmte Forschungen am Menschen nicht machen. Doch die Forschung ist inzwischen so global, dass man immer Orte findet, wo es trotzdem gemacht wird.

Welches Beispiel meinen Sie?

Es wurden etwa große Klon-Erfolge aus asiatischen Ländern vermeldet. Manche stellten sich dann als große Betrugsfälle heraus.

Finden Sie, dass die Freiheit der Forschung Grenzen hat?

Es gibt keine grenzenlose Freiheit, daher kann es die auch für die Forschung nicht geben. Die Freiheit der Wissenschaft muss jedoch in den Bereichen gegeben sein, die in einer Gesellschaft als moralisch zulässig gelten. Die gesellschaftspolitische Frage bleibt: Wer kann solche Beschränkungen vorgeben?

Hat die neue Plattform eine ähnliche Funktion wie die Ethikkommission?

Nein, gar nicht. Die Plattform hat einen forschungsgeleiteten Ansatz: Wir wollen gemeinsam erarbeiten, was Verantwortung in der Praxis der Forschung überhaupt bedeutet. Haben Forscher Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, oder tut man einfach, was getan werden muss? Wir werden untersuchen, was Forscher unter Verantwortung verstehen und welche Werte eine Rolle spielen. Und auch: Wie gehen Forscher und Institutionen mit Fehlverhalten um? Wir reden viel darüber, aber wissen sehr wenig über die Praxis.

Untersuchen Sie auch, was es dazu in der Ausbildung gibt?

Wir haben uns Ethikkurse für Studierende angesehen: Bisher wirken viele eher wie „Ethik to go“. Studierende hören von Fallbeispielen und müssen am Schluss einen Multiple-Choice-Test ankreuzen: Dann kann man ethische Reflexion abhaken. Doch sie werden nicht dazu angeleitet, selbst über Verantwortung nachzudenken.

Gibt es da Unterschiede zwischen Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften?

Im europäischen Raum ging bei den Sozialwissenschaften der Nachdenkprozess langsamer los als bei Naturwissenschaften. Früher machten wir uns weniger Gedanken, wenn man etwa verletzliche Gruppen interviewte. Heute herrscht ein viel größeres Bewusstsein darüber, dass man mit einer Befragung bei der interviewten Person auch Verletzungen hervorrufen kann.

Und gesellschaftlich gesehen?

Für jede genetische Manipulation einer Pflanze wird lang diskutiert, ob diese Intervention tragbar ist. Doch auch soziale Interventionen kann niemand zurückdrehen: Jede Schulreform ist eine riesige Intervention im sozialen Gefüge unserer Gesellschaft. Trotzdem wird dies selten unter der Prämisse der Verantwortung diskutiert.

Sie haben im Sommer den Ars-docendi-Preis für Exzellente Lehre erhalten: Wie definieren Sie diese?

Die Kunst des Lehrens beginnt damit, dass ich die Menschen, mit denen ich den Hörsaal teile, sehr ernst nehme. Sie bringen Erfahrung und Wissen mit, und ich muss versuchen, das, was ich vermitteln möchte, damit zu verknüpfen.

ZUR PERSON

Ulrike Felt, geboren 1957, studierte Physik, Mathematik und Astronomie an der Uni Wien. In den 1980ern war sie am Kernforschungszentrum CERN tätig. Seit 1999 forscht Felt als Professorin an der Uni Wien. Sie leitete von 2004 bis 2014 das Institut für Wissenschafts- und Technikforschung. Seit 2014 ist Felt Dekanin der Fakultät für Sozialwissenschaften der Uni Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2016)

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