Kuhmilchallergie: Von guten und bösen Antikörpern

Etwa drei Prozent aller Kinder leiden an Kuhmilchallergie. Nun konnten Forscher die Diagnose verbessern: Ein winziger Blutstropfen reicht jetzt dazu aus.

Vater fuettert Baby mit Milchflasche - father feeding baby with milk
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Vater fuettert Baby mit Milchflasche - father feeding baby with milk
Der erste Kontakt mit Kuhmilch kommt für Flaschenbabys schon ganz früh. – foto-begsteiger.com/United Archives/picturedesk.com

Fast jeder Säugling kommt im ersten Lebensjahr mit Kuhmilch in Kontakt: Flaschenbabys ab der ersten Flasche Pre-Milch, andere später, wenn sie abgestillt werden. Der Muttermilchersatz wird aus chemisch aufbereiteter Kuhmilch hergestellt, versetzt mit wertvollen Eigenschaften, die auch in der Muttermilch vorhanden sind. Bei 97 Prozent aller Kinder gibt es keine Probleme, wenn sie Pre-Milch oder frische Kuhmilch trinken. Doch fast drei Prozent bekommen allergische Symptome wie Ausschläge, Atem- oder Verdauungsbeschwerden. Nicht zu verwechseln ist die Kuhmilchallergie mit der Laktoseintoleranz: Die Allergie ist eine Überreaktion des Immunsystems auf an sich ungefährliche Proteine, während laktoseintoleranten Menschen das Enzym Laktase fehlt, um den Milchzucker Laktose zu spalten.

Bei Allergien sind stets IgE-Antikörper im Spiel, bei Intoleranzen ist das Immunsystem nicht beteiligt. „Die meisten Kinder verlieren mit der Zeit die Allergie auf Kuhmilch, doch sie sind dann sehr anfällig für andere Allergien wie Gräser, Pollen oder Haustiere“, sagt Heidrun Hochwallner von der Med-Uni Wien. Sie leitete ein Projekt des Wissenschaftsfonds FWF, das die Diagnose von Kuhmilchallergie verbessern konnte. Bisher war die Diagnose aufwendiger – ob durch den Haut-Prick-Test oder orale Provokationstests.

Hochwallner war an einem Konsortium beteiligt, das ein Micro-Array-System entwickelte: So wird mit einer winzigen Menge Blut eine ganze Reihe von Allergien klar ersichtlich gemacht. „Dass wir nur einen winzigen Blutstropfen brauchen, ist wichtig, wenn es um Kinder geht“, so Hochwallner. Acht verschiedene Proteine wurden in der Kuhmilch identifiziert, die Schuld daran sind, dass Menschen allergisch darauf reagieren. Die Hoffnung, dass man ein einziges Protein findet, das die Allergie bei allen Patienten auslöst, wurde nicht erfüllt. Daher sind nun alle acht Proteine im Micro-Array enthalten, das in manchen Ländern bereits im Einsatz ist. Der Labortest diagnostiziert für Kinder und Erwachsene präzise, ob man eine Allergie auf Kuhmilch oder andere Lebensmittel hat, auf Gräser, Bäume, Katzen, Hunde, Hausstaubmilben, Bienen oder Wespen.

„Da wir Zugang zu großen Probenmengen aus Österreich und Schweden hatten, konnten wir eine weitere Frage lösen“, erzählt Hochwallner. Sie analysierten alle Antikörper im Blut von Schwangeren, im Nabelschnurblut, in der Muttermilch und im Blut der Säuglinge.

Denn nicht nur die „bösen“ IgE-Antikörper, die Allergien auslösen, sind spannend zu beobachten, sondern auch die „guten“ IgG-Antikörper. Diese werden relativ rasch nach der Geburt gebildet: Jeweils beim erstmaligen Kontakt mit einem Lebensmittel oder anderen Substanzen. So konnte das Team etwa bestätigen, dass Kinder, die mit Katzen aufwachsen, sehr früh die guten IgG-Antikörper im Blut haben, die später vor Katzenhaarallergien schützen.

Gute Antikörper beim Stillen

„Man konnte in den Blutproben und der Muttermilch genau sehen, wie sehr viele der schützenden Antikörper schon vor der Geburt gebildet und dann beim Stillen von der Mutter auf das Kind übertragen werden“, sagt Hochwallner, die inzwischen in einem Pharmaunternehmen tätig ist.

„Und man konnte im Blut der Kinder erkennen, wann sie das erste Mal Brot oder Karotten gegessen hatten: Dann stieg der IgG-Spiegel auf dieses Nahrungsmittel an.“ Die Forscher bemerkten auch, dass die IgE-Antikörper in die Muttermilch wandern, wenn die Mutter selbst auf etwas allergisch ist. „Aber in so geringer Konzentration, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass das gestillte Kind dann ein Allergierisiko davonträgt.“

LEXIKON

Flaschenmilch. Pre-Milch oder Folgemilch wird aus Kuhmilchproteinen hergestellt. Es gibt jeweils HA-Produkte (hypoallergen), die extra für Kinder mit einer Kuhmilchallergie oder mit hohem Allergierisiko entwickelt wurden. Die Forscher bestätigten, dass HA-Produkte zu weniger allergischen Symptomen und verminderter Bildung von IgE-Antikörpern im Blut der Kinder führen.


[M4OQS]

(Print-Ausgabe, 02.04.2016)

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