Warum sind wir so wenig Neandertaler?

Der Sex unterschiedlicher früher Menschen blieb oft folgenlos, weil Gene nicht zueinanderpassten.

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ҀLTERE EUROP�ER UND NEANDERTALER�
(c) APA (W.Reichmann/NHM)

Vor 40.000, 50.000 Jahren, als unsere Ahnen von Afrika aus Asien und Europa erwanderten, merkten sie bald, dass sie nicht die Ersten waren, die sich auf den Weg gemacht hatten. Sie begegneten anderen, sie vermischten sich, oft, wir tragen das Erbe in uns: Zwei bis vier Prozent unserer Gene sind von Neandertalern, und die Menschen in Ozeanien haben drei bis sechs Prozent ihrer Gene von Denisova-Menschen. In Ostasiaten sind es etwas weniger, darunter ist aber höchst Nützliches: Eine Genvariante der Denisova-Menschen ermöglichte es dem Homo sapiens, in der dünnen Luft Tibets zu leben.

Auch von den Neandertalern haben wir Bewährtes, sie waren seit Hunderttausenden von Jahren an das Klima in Eurasien angepasst, als die neuen Menschen aus Afrika kamen. Warum sind dann trotzdem nur zwei bis vier Prozent unserer Gene von ihnen und nicht viel mehr? Weil die verschiedenen frühen Menschen genetisch nicht gut zueinanderpassten, das vermutet Carlos Bustamante (Stanford). Er hat erstmals das Genom eines Neandertaler-Mannes sequenziert – alle bisherigen Genome stammen von Frauen –, er lebte vor 49.000 Jahren in Spanien.

 

Y-Chromosom wurde abgewehrt

Und etwas von ihm hat kein heutiger Mann im Genom, Gene vom Y-Chromosom, dem männlichen Geschlechtschromosom. Es wurde vom Immunsystem der Homo-sapiens-Mütter abgewehrt, darauf deutet im Neandertaler-Y eine spezifische Signatur. Sie liegt im MHC-Komplex, und der ist eine Gengruppe, anhand derer entschieden wird, ob zwei sich miteinander reproduzieren können. Die nun beim Neandertaler gefundene Variante gibt es zwar in manchen heutigen Männern, aber ganz unabhängig vom Neandertaler. Von manchen Frauen wird sie so stark abgewehrt, dass Kinder nur tot zur Welt kommen. „Das Y-Chromosom mag eine Rolle als Barriere im Genfluss gespielt haben“, schließt Bustamante (American Journal of Human Genetics 7. 4.). Zu einem ähnlichen Befund ist gerade David Reich (Harvard) beim Denisova-Menschen gekommen (Current Biology 28. 3.). Auch bei dem deuten Genvarianten darauf, dass der meiste frühe Sex mit Homo sapiens folgenlos bleiben musste.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2016)

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