Schon im alten Reich Juda konnten viele schreiben

Daraus schließen Forscher auf die Entstehungszeit biblischer Schriften.

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(c) APA/AFP/GALI TIBBON

Von der Schöpfung bis zur Eroberung des Reichs Juda durch die Neubabylonier (586 v. Chr.) und die Verschleppung seiner Elite an die Flüsse von Babylon: Diese Zeitspanne behandelt das (nicht historische) Geschichtswerk der hebräischen Bibel. Kompiliert wurde es also sicher erst nach 586. Doch Teile wurden gewiss schon früher aufgeschrieben, im Nordreich Israel ab der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts, im Südreich Juda erst 50 Jahre später.

Das schrieb der israelische Archäologe Israel Finkelstein in seinem Buch „Das vergessene Königreich“ (2013), in dem er versuchte, eine verschüttete Tradition aufzudecken: die des Nordreichs Israel, das schon 721 erobert wurde, von den Assyrern. Es sei der wichtigere Staat gewesen, die Erinnerung daran sei von den Herrschern des Südreichs mit dem Zentrum in Jerusalem verdrängt worden. Doch als nach 721 viele Israeliten nach Juda flohen, hätten sie ihre Erzählungen mitgebracht, vor allem die von Jakob und vom Exodus.

In den Büchern der Könige kommen freilich die Herrscher des Nordreichs schlecht weg, wie auch viele Könige von Juda. Nicht so Josia (639 bis 609 v. Chr.): Er setzte den Jahwekult durch und ließ den Tempel renovieren. Dabei, so steht es im zweiten Buch der Könige (23,2), fand sich ein heiliges Buch, offenbar das Deuteronomium, das fünfte Buch Mose. Wobei die meisten Forscher glauben, dass dieses Buch nicht wirklich gefunden, sondern frisch verfasst wurde, um Josias Theologie und Herrschaft zu stützen.

 

Militärische Korrespondenz

Ist also ein wesentlicher Teil des alttestamentarischen Geschichtswerks schon vor der Zerstörung Jerusalems entstanden? Um das zu beurteilen, sei es wichtig zu wissen, wie verbreitet im damaligen Juda das Lesen und Schreiben war, meinen Finkelstein und Kollegen von der Uni Tel Aviv. In diesem Sinn untersuchten sie 16 hebräische Handschriften auf Tonscherben, die in der Festung von Arad (im Süden von Juda) gefunden wurden. Sie sind aus der Zeit um 600 v. Chr. und enthalten militärische Korrespondenz, über Verpflegung und Ähnliches. Eine Schrift erwähnt den König von Juda, eine andere das Haus Jahwes, also den Tempel.

Die Analyse ergab: Diese Handschriften stammen von mindestens sechs verschiedenen Männern, darunter der Quartiermeister von Arad. Wenn schon in der Peripherie so viele Militärs schreiben konnten, dann erst recht im Zentrum, in Jerusalem, sagen die Forscher in Pnas (11. 4.): „Um diesen bürokratischen Apparat zu unterstützen, muss es in Juda ein entsprechendes Bildungssystem gegeben haben.“ Und dieses könnte „den Hintergrund für die Zusammenstellung anspruchsvoller Werke wie des Deuteronomiums geboten haben“. (tk)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2016)

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