Warum wir Steuern zahlen

Was bringt den Bürger dazu, seine Steuern ehrlich anzugeben? Dieser Frage sind Psychologen der Uni Wien nachgegangen – mit für die Experten überraschenden Ergebnissen.

Ist die Steuerbehörde gut akzeptiert, nehmen die Menschen auch Kontrollen positiver wahr.
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Ist die Steuerbehörde gut akzeptiert, nehmen die Menschen auch Kontrollen positiver wahr.
Ist die Steuerbehörde gut akzeptiert, nehmen die Menschen auch Kontrollen positiver wahr. – APA/NINA TÖCHTERLE

Ob ein Ausflug nach Liechtenstein, eine Briefkastenfirma in Panama oder eine kreativ gestaltete Arbeitnehmerveranlagung – nicht jeder ist bezüglich Steuern so ehrlich, wie es das Gesetz verlangt. Warum man es eventuell doch ist und wovon die Steuermoral abhängt, hat Eva Hofmann am Institut für Angewandte Psychologie: Arbeit, Bildung, Wirtschaft der Uni Wien gemeinsam mit Barbara Hartl und Katharina Gangl (Zeppelin Universität, Friedrichshafen) untersucht. Die Steuermoral wird durch das sogenannte Slippery Slope Framework beschrieben, erklärt Hofmann. Nach diesem Modell hängt die Steuermoral von zwei Faktoren ab: der Macht der Steuerbehörde und dem Vertrauen der Bürger in sie. Je größer einer der beiden Faktoren, desto höher die Steuermoral.

Dieses Modell haben die Forscher der Uni Wien nun verfeinert, indem sie Vertrauen und Macht differenzierter betrachtet und in je zwei Komponenten aufgespaltet haben: beim Vertrauen in implizites (gefühlsmäßiges) und rational begründetes Vertrauen. Bei der Macht – dem laut Hofmann hier spannenderen Aspekt – wurde zwischen coerciver Macht (Macht durch Strafen) und der legitimen Macht unterschieden. „Legitime Macht ist jene, die der Behörde zugestanden wird. Hier spielen Aspekte wie rechtliche Legitimation, Expertise, Informationsangebote oder charismatische Persönlichkeiten eine Rolle“, so Hofmann.

 

Macht auch positiv gesehen

Mit dieser Differenzierung zeigte sich ein überraschendes Ergebnis. „Die These war, dass Zwangsmacht nicht zu Vertrauen passt und es ein Entweder-oder gibt: durch Macht erzwungene oder aufgrund von Vertrauen freiwillig geleistete Steuern. Allerdings: Wenn der Steuerbehörde legitime Macht zugesprochen wird, dann wirkt sich auch die Zwangsmacht nicht mehr negativ auf das Vertrauen aus“, so die Expertin. Schafft es die Steuerbehörde, sich durch Kompetenz und Kundenfreundlichkeit als legitime Instanz zu etablieren, werden auch harte Strafen nicht negativ wahrgenommen, sondern können das Vertrauen sogar stärken.

Im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekts wurden Interviews mit 32 Selbstständigen und 30 Steuerprüfern geführt und die Ergebnisse der Befragungen in Experimenten erhärtet. Studierende konnten sich in einem fiktiven Setting für mehr oder weniger Steuerehrlichkeit entscheiden, wobei die fiktiven Steuern und Strafen mit der realen Aufwandsentschädigung gekoppelt waren. Hier hatte eine positive Beschreibung der Behörde einen positiven Effekt auf die Steuermoral.

Laut Hofmann ergaben die Experimente, dass die legitime Macht, die durch „weiche“ Faktoren wie Kompetenz und Kundenfreundlichkeit bestimmt wird, ebenso wirksam sein kann wie die Macht von Strafen. „Legitime Macht mag zwar etwas mehr kosten, schafft aber ein angenehmeres Klima“, so die Expertin. Im Umkehrschluss weist Hofmann auf die verheerende Wirkung negativer Medienberichte auf die Steuermoral – Beispiel Panama-Papers – hin, die die legitime Macht der Steuerbehörde untergraben und die positiven Bemühungen, etwa durch Kundenservice, wieder zunichtemachen.

Im Rahmen des Projekts wurde mit Fragebögen erhoben, ob sich die Ergebnisse auf andere Länder umlegen lassen. Das Ergebnis: Das Modell gilt überall, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. In Finnland wirkt die legitime Macht stärker, in Ungarn schwächer.

Weitere Studien, die bereits in Angriff genommen wurden, nehmen verwandte Bereiche unter die Lupe. Auch hier zeigt sich, dass das Modell überall anwendbar ist, die Ausprägung aber vom Kontext abhängt.

 

Steuerehrlichkeit hoch im Kurs

Zudem ergab sich, dass die legitime Macht bei Steuern relativ stark ist. Das Unrechtsbewusstsein bei Steuerhinterziehung war höher als bei Themen wie illegalem Download, Versicherungsbetrug, Schwarzfahren oder Umweltverschmutzung.

Die Expertin zeigt sich insgesamt sehr zufrieden mit dem Projekt; mit der differenzierten Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Macht und Vertrauen habe man Neuland betreten. Als nächster Schritt sollen Settings untersucht werden, in denen es mehr um Vertrauen als um Macht geht.

Web:www.poweroftaxes.univie.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2016)

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