Plädoyer für Faktenwissen und Fächergrenzen

Konrad Paul Liessmann erhielt im Wiener Rathaus den Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer.

„Und jetzt schweige ich.“ Liessmann im Wiener Rathaus.
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„Und jetzt schweige ich.“ Liessmann im Wiener Rathaus.
„Und jetzt schweige ich.“ Liessmann im Wiener Rathaus. – Stanislav Jenis

Vernetztes Denken, Zusammenhänge erkennen, lebenslanges Lernen, Überschreiten von Fächergrenzen und so weiter und so fort: Wer je bei einer Diskussion über Bildung und/oder Bildungspolitik war, kennt die verbrauchten Phrasen. Es ist nicht Konrad Paul Liessmanns geringstes Verdienst, dass er solchen Gemeinplätzen scharf ausweicht. „Ich bin ein großer Anhänger des Faktenwissens“, erklärte er etwa bei der Feier im Wiener Rathaus im Gespräch mit Hubert Christian Ehalt, und: „Ich weiß bis heute nicht, wie ich das machen soll: vernetzt denken.“ Doch, ja, bei näherer Überlegung falle ihm ein Philosoph ein, der das offensichtlich praktiziert habe, fächerübergreifend noch dazu: Hegel, in seiner „Phänomenologie des Geistes“. Darum sei diese ja so schwer verständlich . . .

Die Idee, das Glück zum Bildungsziel oder gar Lehrfach in Schulen zu erklären, hatte Liessmann schon in seinem – in der gestrigen „Presse“ veröffentlichen – Vortrag mit Berufung auf Paul Watzlawicks ironische Schrift „Anleitung zum Unglücklichsein“ gegeißelt, genauso vehement verteidigte er die althergebrachten Fächer im Kanon der Schulen und bedachte die verbreitete Aufforderung, sich im Geschichtsunterricht auf „große Linien“ zu beschränken, mit einem Wort von Friedrich Schlegel: Geschichtswissenschaft sei „rückwärts gekehrte Prophetie“. Schmallippig wies er auch eine fixe Idee der Postmoderne zurück: „Das Ende der großen Erzählungen war selbst eine große Erzählung.“

Vorgegebenes Thema des Gesprächs war eigentlich „Über die Liebe zur Weisheit in den Zeiten des Populismus“. Auch dazu verweigerte sich Liessmann dem standardisierten Diskurs, der eine leicht angewiderte Distanzierung vom Populismus verlangt. Eigentlich bedeute dieses Wort ja Ähnliches wie Demokratie, sagte er, doch zwischen dem lateinischen Populus und dem griechischen Demos sei ein wesentlicher Unterschied: Der Demos enthalte nur die zur Polis gerechneten Bürger, also etwa keine Frauen und Ausländer. „Es waren damit nie alle gemeint.“

Warum er sich denn nicht selbst in die Politik einmische, wollte eine Zuhörerin wissen. Das tue er ohnehin, wenn man ihn frage, antwortete Liessmann und erzählte nicht ohne Selbstironie, wie er einmal vor einem SPÖ-Publikum eine Rede über die Zukunft der Sozialdemokratie gehalten habe. Werner Faymann sei nicht erschienen. „Sie sehen, wohin das führt, wenn man nicht auf mich hört.“

Noch virtuoser gelang der Schluss, bei dem Liessmann auf Paul Watzlawick zurückkam, auf dessen wohl bekanntestes Diktum, man könne nicht nicht kommunizieren: „Ich möchte mir nicht von einem durch Watzlawick-Lektüre gestählten Therapeuten sagen lassen: ,Auch wenn du schweigst, sprichst du.‘ Nein, wenn ich schweige, dann schweige ich. Und jetzt schweige ich.“

Dann schwieg er. Viel Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2016)

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