Vietnam ist, was es isst, und verändert sich gerade

Internationale Entwicklung.Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern auch Ausdruck des sozialen Status. Milch und Fast-Food-Ketten ändern in Vietnam alte Essgewohnheiten und damit die gesellschaftlichen Praktiken.

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(c) Clemens Fabry

Essen ist kein rein physiologischer oder biologischer Akt des Hungerhabens und Sattwerdens. Menschen definieren sich auch über ihre Nahrung: Teures Fleisch, exotische Früchte oder gesunde Samen-Alleskönner sagen etwas über die Person aus, die diese konsumieren, aber auch etwas über ihren sozialen Status. Nicht jeder hat die finanziellen Mittel für prestigeträchtiges oder gesundes Essen.

Die Redensart „Du bist, was du isst“ umschreibt daher gut, worum es im vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Projekt „Ein körperpolitischer Ansatz des Essens – Vietnam im Geflecht globaler Transformation“ geht. Soziologin Judith Ehlert vom Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien, stellt sich in ihrer Forschung die Frage, warum die Menschen in Vietnam essen, was sie essen, wie sich das Essverhalten wegen der zunehmenden Globalisierung verändert, und was als sozial erstrebenswert und für den Körper als gesund betrachtet wird.

Mit körperpolitisch ist gemeint, dass Essen über die Banalität der Nahrungsaufnahme hinausgeht. Essen in Vietnam ist etwa an Schichten gebunden: Wohlhabende essen vermehrt Fleisch, aber auch Milchprodukte, die im Zuge der Globalisierung immer stärker vermarktet werden, gerade etwa das Milchpulver als Babynahrung.

Weniger Wohlhabende essen mehr sättigenden Reis. Das heißt: „Was ich mir im wahrsten Sinn des Wortes einverleibe, ist eingebettet in ein globales Lebensmittel- und Agrarsystem und einen bestimmten gesellschaftlichen Kontext, und damit im weitesten Sinn immer auch politisch“, so Ehlert.

 

Schmelztiegel urbaner Raum

Ehlert arbeitet schon viele Jahre in Vietnam. Sie erforscht dort den ländlichen Raum. In ihrer Dissertation über den Agrarsektor wurde ihr bewusst, dass Essen in Vietnam eng mit Identität verknüpft ist. Wie die verschiedenen sozialen Gruppen im Schmelztiegel Vietnam das in ihre Esspraktiken und ihren Alltag integrieren, und was sie als gutes oder schlechtes Essen erachten, ist Teil ihrer Forschungsfrage.

Dazu reist sie gemeinsam mit der Doktorandin Nora Faltmann heuer erneut mehrere Monate in das Land, um Feldforschung in den urbanen Räumen zu betreiben. Die beiden interviewen verschiedene Konsumenten, Vertreter des Einzelhandels und der Gastronomie. Zudem analysieren sie Konsumgewohnheiten in verschiedenen Restauranttypen, Märkten, Supermärkten, Fitness- und Schönheitsetablissements, und werten die lokalen Medienberichterstattung rund um das Thema aus.

Was sich durch die Vorarbeiten schon sagen lässt, ist, dass mit Schönheits- und Körperidealen in Vietnam offen umgegangen wird. Übergewicht und Fettleibigkeit unterliegen keiner gesellschaftlichen Verschwiegenheit wie etwa in Europa oder Nordamerika. Im Gegenteil: Ein beleibtes Kind ist etwa sozial durchaus erwünscht.

Eine überraschende Erkenntnis bisher ist, dass es zwar Globalisierungstendenzen gibt, aber diese andere Ausprägungen annehmen. Klassische Burger-Ketten sind etwa in Ho-Chi-Minh-City zu finden, werden aber von den Vietnamesen anders genutzt: Denn Fast Food wird auf ihren Märkten ohnehin seit jeher verkauft. Bei McDonald's trifft man sich zwar, aber nicht wegen der Burger: Die klimatisierten Räume im tropisch heißen Land ziehen die Besucher an. „Anders als der Name suggeriert, werden Fast-Food-Ketten zum langen Verweilen genutzt“, sagt Ehlert. (por)

LEXIKON

Esskulturen wandeln sich ständig – durch die Globalisierung noch schneller als in der Vergangenheit. Der Wandel kann mit gesellschaftlichen und ökologischen Veränderungen verbunden sein, weshalb die Sozialforschung dieses Thema aufgreift. Fertigprodukte und Restaurants können hierbei als Spiegel der Schnelllebigkeit oder der veränderten Tagesabläufe und Familienstrukturen gesehen werden. Auch mitgebrachte Kulinarik von Migranten spielt eine Rolle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2016)

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