Die Presse: Sie sprechen am kommenden Sonntag beim Symposium „Globart“ in Pernegg über „Demokratie oder Tempo? Die Versuchung der Postdemokratie im Beschleunigungszeitalter“. Schon in Ihrem umfangreichen Buch „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ (Suhrkamp, 2005) untersuchten Sie, wie in unserer Gesellschaft die Geschwindigkeit von Prozessen zunimmt. Was ist das Gefährliche daran?
Hartmut Rosa: Die Besorgnis über das zunehmende Tempo ist nicht neu. Die gab es, als die Eisenbahnen erfunden wurden, als das Fernsehen kam, und auch, als die Computer eingeführt wurden. Da wehrten sich einige an den Universitäten, was inzwischen längst obsolet ist. Der Computer hat sich durchgesetzt. Zuletzt gab es Befürchtungen beim Mobiltelefon, man sprach von Gehirnerweichung, so wie 150 Jahre zuvor bei der dahinrasenden Eisenbahn. Die Grenzen des Menschen schieben sich hinaus, man kann Geschwindigkeit lernen. Aber tückisch ist das Bewusstsein, dass man mit immer größerem Tempo To-do-Listen abarbeiten muss, das gilt inzwischen für alle Schichten, und nicht nur für den Beruf. Auch im Alltag gibt es das Gefühl, man sei zu spät dran.
Tückisch ist die totale Zersplitterung der Aufmerksamkeit.
Rosa: Wir glauben, dass wir hier noch schnell ein E-Mail verfassen, da noch einen Anruf machen müssen. Das ist für unser Gehirn nicht so leicht zu bewältigen. Seit den Neunzigerjahren steigt außerdem auch wieder die Arbeitszeit. Die Beschleunigung betrifft, wie gesagt, alle Lebensbereiche; sie verdichten sich. Das hängt auch mit vermehrten Optionen zusammen. Wir können zwischen zehn Stromanbietern und zwanzig Handytarifen wählen. Das erzeugt Druck.
Produktivitätsdruck?
Rosa: Ja. Zugleich wird die Situation noch dadurch erschwert, dass man Arbeitskräfte entlässt. Die Firmen wollen trotzdem wachsen und überlasten die verbliebenen Arbeitskräfte.
Hat sich auch das Zeitgefühl der Menschen in der Neuzeit verändert?
Rosa:Offensichtlich gibt es auch biologische Prozesse der Beschleunigung, in der Evolution. Im sozialen Bereich stellt man fest, dass vor der Moderne die Gesellschaften eher statisch waren. Wachstum und Innovation sind neue Phänomene. Wahrnehmbar wird das in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Reinhart Koselleck hat das die „Sattelzeit“ genannt. Die Menschen nehmen wahr, dass die Zukunft anders sein wird. Die Geschichte kommt in Bewegung. Die Technik ist kein Verursacher, sondern ein Ergebnis dieses Zeithungers. Erst wurden die Pferde häufiger ausgetauscht, um die Zeit zu verkürzen. Und dann hat man die Dampfmaschine erfunden.
Welche Philosophen haben sich kritisch mit diesem Phänomen auseinandergesetzt?
Rosa: Deutsche und Franzosen waren durchaus kritisch, Paul Virilio und Jean Baudrillard zum Beispiel. Die Angelsachsen waren dagegen eher weniger kritisch. Die Beschleunigungsdiagnose allerdings ist relativ universal.
Wie sind Sie selbst zeitlich organisiert? Lassen Sie sich unter Druck setzen?
Rosa: Ich habe meine Habilitation über Beschleunigung von relativ langer Hand geplant und eine Zeitspanne von mehr als sechs Jahren durchaus ausgenutzt. Ich wollte sorgfältig sein, das Buch war selbst auch eine Übung in Antibeschleunigung. Mein nächstes Buch ist auf zehn Jahre angelegt, es soll „Soziologie der Weltbeziehungen“ heißen. Ich hänge der alten Idee des Werkes an. Trotzdem kenne ich natürlich die Tücken der Beschleunigung.
Das ist lobenswert. Weniger Bücher, dafür mehr Qualität.
Rosa: Ich habe dazu sogar einmal eine Initiative gestartet, eine freiwillige Selbstverpflichtung angeregt, dass man nur drei Aufsätze pro Jahr für eine Bewerbung einreichen darf. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hieß es dann: „Forscher, begrenzt eure Emissionen!“ Viele Kollegen fanden das eine tolle Idee.
Der Demokratie ist der Wechsel inhärent, bei jeder Wahl ist er möglich. Andererseits werden Reformen nur zögerlich durchgesetzt, weil man ja wiedergewählt werden will.
Rosa: Meine Kerndiagnose lautet, dass der Prozess der Demokratie zeitaufwendiger wird, weil die Gesellschaft pluralistischer und heterogener wird. Es gilt die unterschiedlichsten Positionen abzuklären. Der Konsens wird schwieriger, die Prozesse werden komplexer und schneller. Das ist ein Dilemma für die Politik, das praktisch unlösbar wird. Es gibt auch eine Gewichtsverlagerung von der Legislative zur Exekutive. Parlamente werden nutzloser, die Politiker wissen das und geben sich weniger Mühe mit der Debatte. Die demokratische Substanz wird ausgehöhlt, Entscheidungen trifft fast nur noch die Regierung in Absprache mit den Koalitionspartnern.
Zuerst aber gibt es zur Absicherung noch Umfragen.
Rosa: Das ist eine ganz fatale Situation, „government by the polls“. Auch da verliert Politik ihre Schrittmacherfunktion. Sie reagiert nur noch auf Bewegungen und Veränderungen anderswo. Noch bis in die Siebzigerjahre begründete man politische Reformen damit, dass man die Gesellschaft besser machen wolle. Heute gilt dieses Argument nicht mehr. Es heißt nur: „Wenn wir das nicht machen, werden wir abgehängt.“ Man braucht immer mehr Energie allein dafür, dass die Dinge nicht schlechter werden.
Vielleicht hat man bereits zu viel erreicht? Das scheint vor allem ein Problem der Linken zu sein.
Rosa: Es heißt doch heute vor allem: „Wir können uns das nicht mehr leisten.“ Das zeigt doch eine drastische Veränderung der Sichtweise, ist doch geradezu die Annahme, dass es schlechter wird. Die Verteilungen werden immer ungerechter, die Bildungschancen fürs Prekariat sinken. Man hat den Glauben daran verloren, dass man Armut dauerhaft verhindern kann.
Was wäre an der Demokratie zu verbessern?
Rosa: Da bin ich zurückhaltend. Ich beschäftige mich mit der Zeitdiagnose, nicht mit der Therapie. Die Demokratie ist zeitaufwendig, Notbremsen sind keine befriedigende Möglichkeit. In der Moderne wird über die Verteilung von Status, Privilegien und Ressourcen nach Wettbewerb entschieden, diese Logik und das Wachstum treiben die Gesellschaft an. Vielleicht könnte man durch ein Grundeinkommen dieser Wettbewerbsdynamik etwas entgegenstellen. Das wäre eine Entlastungsebene. Auf der politischen Ebene waren die Linken früher die Progressiven, die Konservativen waren gegen den Wandel. Das hat sich umgedreht. Die Liberalkonservativen sind heute die großen Beschleuniger. Allgemein sage ich: Die Politik sollte gewisse Prozesse wieder so verlangsamen, dass sie wieder steuerbar werden. Die Finanzmarktkrise war so groß, weil man zuvor systematisch alle Bremsen für Kapitalströme entfernt hat. Eine Tobin-Steuer wäre eine Gegenmaßnahme, so alt diese Idee inzwischen auch bereits ist.
■Hartmut Rosa (geboren 1965 in Lörrach, Baden-Württemberg) ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er studierte Philosophie, Germanistik und Politikwissenschaften in Freiburg und London. 1997 promovierte er an der Humboldt-Universität Berlin über Identität und kulturelle Praxis. Politische Philosophie nach Charles Taylor (als Buch erschienen beim Campus-Verlag), nach internationalen Forschungen habilitierte er sich 2004 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena zum Thema Soziale Beschleunigung, die Arbeit erschien auch bei Suhrkamp in der Reihe Taschenbuch Wissenschaft. Rosa lehrt als Professor für Soziologie in Jena.
■Die GLOBArt Academy (20.23.August im Kloster Pernegg), ein übergreifender Thinktank zu Zukunftsfragen und drängenden Problemen, findet heuer zum zwölften Mal statt. Die einführende Festrede zum Thema Demokratie neu erfinden? hält der deutsche Politikwissenschaftler Claus Leggewie; Hartmut Rosa wird am Sonntagvormittag den großen Abschlussvortrag über Demokratie oder Tempo. Die Versuchung der Postdemokratie im Beschleunigungszeitalter bestreiten. Dazwischen gibt es ein dichtes Programm an Referaten, Diskussionen, Workshops, Musikveranstaltungen und Vernissagen.
■Tagungsort: Kloster Pernegg (3753 Pernegg 1, im Waldviertel). Nähere Infos über Anmeldung und Preise unter www.globart.at oder 0676/841 090 11. [GLOBArt]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2009)

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