Sklaverei: Frauen flohen häufiger

Westafrikanische Sklavinnen nutzten Anfang des 20. Jahrhunderts soziale und familiäre Netzwerke zur Flucht aus der Sklaverei. Ein FWF-Projekt der Uni Wien widmet sich diesen Sklavenfrauen und ihren individuellen Fluchtgeschichten.

15 century slave castle
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15 century slave castle
(c) AP (DAVID GUTTENFELDER)

Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Sklavin und schuften tagein, tagaus für Ihren Sklavenhalter, ausgebeutet und ohne selbstverständliche Menschenrechte. Was tun? Ausbrechen aus diesem Abhängigkeitsverhältnis und diesem Teufelskreis? Unmöglich, überhaupt für eine Frau. Unmöglich ist das aber nur auf den ersten Blick, denn auf den zweiten stünden Ihre Chancen gar nicht so schlecht – gerade weil Sie eine Frau wären. So belegen es jedenfalls die neuesten Studienergebnisse der Historikerin und Afrikawissenschaftlerin Marie Rodet vom Institut für Afrikawissenschaften der Universität Wien.

Im Rahmen ihres FWF-Projektes „Gender, Migration und Sklaverei in Mali/Westafrika“ untersucht die Hertha-Firnberg-Stipendiatin die komplexen Zusammenhänge zwischen den Themen „Gender“, Migration, Mobilität und den Versuchen der Sklaven (Männer wie Frauen), ihrem Leibeigenenstatus zu entfliehen. Forschungsschauplatz ist Westafrika, genauer gesagt die Region Kayes im Staat Mali. Der Untersuchungszeitraum ist auf 1890 bis 1920 konzentriert, da es zu dieser Zeit zu einer sich kontinuierlich ausbreitenden Emanzipierung der Sklaven und Sklavinnen durch schrittweise Fluchtbewegungen kam.

Der transatlantische Sklavenhandel, der durch Kolonialmächte wie Frankreich und England eine lange Tradition hatte, wurde im Jahr 1807 von England und im Jahr 1818 von Frankreich abgeschafft.

„Die Unterdrückung und Ausbeutung von AfrikanerInnen durch AfrikanerInnen wurde jedoch bis zur Jahrhundertwende weiterpraktiziert“, erzählt Marie Rodet. Erst 1905 wurde von der französischen Kolonialherrschaft in Mali sowie in ganz Französisch-Westafrika die Sklaverei offiziell verboten. Doch was jahrhundertelang gang und gäbe war, lässt sich nicht so einfach von heute auf morgen unterbinden. „Bis zur Unabhängigkeit Malis im Jahr 1960 war Sklaverei im westafrikanischen Staat noch immer weit verbreitet“, erzählt die Forscherin. Und bis heute sind die Folgen noch sichtbar.

Ab 1890 kam es zu immer häufigeren Fluchtversuchen. Die Sklaven wollten sich mit ihrem Dasein nicht länger abfinden, sondern entwickelten Fluchtstrategien. Für Marie Rodet sind diese Fluchtbewegungen nicht so unbedeutend, wie bisher von den Wissenschaftlern angenommen wurde. Lange vermutete man, dass die Emanzipierung aus der Sklaverei für Männer leichter war als für Frauen. „Sklavinnen betrachtete man als stärker integriert, da sie Kinder in den Dörfern der SklavenhalterInnen hatten“, sagt die Historikerin.


Gesellschaft mit Sklaven. Doch das stellte sich – so Rodet – als Trugschluss heraus. „Meine Daten zeigen eindeutig, dass mehr Frauen als Männer geflohen sind.“ Da Frauen die Mehrheit der Sklaven stellten, nämlich bis zu 60 Prozent, und sie die am meisten belastenden Arbeiten wie Feldarbeit und Haushalt übernehmen mussten, ist dieses Ergebnis nicht weiter erstaunlich. Interessant ist, wie ihnen die Flucht gelang.

Durch ihren hohen Anteil von 40 bis 60 Prozent an der Gesamtbevölkerung von Mali waren die Sklaven der Kern des Wirtschaftssystems. Dadurch waren die Sklavenhalter gezwungen, den Sklaven wenigstens ein Mindestmaß an Integration zu gewähren. Ansonsten wäre das Gesellschaftssystem nicht aufrechtzuerhalten gewesen.

In vielen Fällen heirateten die Sklavenhalter ihre weiblichen Leibeigenen, um sie mit Kindern an sich zu binden. „Man könnte annehmen, diese verheirateten Sklavenfrauen wären weniger oft geflüchtet. Doch das trifft nicht zu“, beschreibt Rodet. Viele flohen und kehrten wieder zurück, um ihre Kinder zu sich zu holen. Im Jahr 1903 wurden Kolonialgerichte eingeführt, die es den Frauen sogar ermöglichten, sich offiziell von ihren Ehemännern scheiden zu lassen und das Sorgerecht für ihre Kinder zu beantragen.

Eine andere Möglichkeit zu fliehen war, einen Mann mit Beziehungen zur Kolonialadministration zu heiraten, zum Beispiel Armeeangehörige oder Kolonialbeamte. Damit sicherten sich die Frauen ihr wirtschaftliches Überleben auch nach der Flucht.


Männer an Arbeit gebunden. Männliche Sklaven hatten es verglichen mit den Frauen ungleich schwerer zu fliehen. Sie mussten sich erst Felder suchen, um diese bestellen zu können und sich dadurch eine neue Existenz in der Freiheit aufzubauen. Natürlich schauten die Sklavenhalter(innen) nicht tatenlos zu, wie ihnen ihre billigen Arbeitskräfte und Lustobjekte abhandenkamen.

„Es ist schwierig zu schätzen, in wie vielen Fällen die Flucht schiefgegangen ist. Dafür sind die quantitativen Daten in den Archiven zu mangelhaft“, erklärt Rodet, die die ehemaligen Kolonialarchive in Mali und Dakar durchforstet. Sie stützt sich dabei vor allem auf Gerichtsfälle wie Scheidungs- und Sorgerechtsstreitigkeiten, auf politische und wirtschaftliche Berichte der Kolonialbeamten, die den Kontext für die Gerichtsdokumente herstellen. Weiters umfassen Rodets Forschungen selbst geführte Interviews mit Nachkommen von männlichen und weiblichen Sklaven in der Region Kayes, im westlichen Mali.

„Auch wenn eine Flucht zunächst missglückte, konnte ein Jahr später ein weiterer Versuch erfolgreich sein“, weiß Rodet aus den Gesprächen. Eines ist sicher: Einige Sklavenhalter haben versucht, die Flucht von Leibeigenen zu verhindern – oftmals mit Gewalt. Die Afrikawissenschaftlerin fand in den Archiven und bei Interviews von Nachkommen der Zeitzeugen Belege für mehrere Todesfälle bis in die 1930er-Jahre. Manche Sklavenhalter wandten sich an die Kolonialadministration oder an Gerichte, was bis zur Jahrhundertwende noch Aussicht auf Erfolg hatte. Ab 1905/1906 stellte man jedoch klar und deutlich fest, dass jede Form von Sklaverei offiziell abgeschafft war.

Auch wenn man das erfahrene Leid nicht mehr rückgängig machen kann, eines hat dieses Projekt auf jeden Fall bewirkt: dass nämlich die westafrikanischen Sklavinnen damit endlich Gehör bekommen. „Wenn man diese geflohenen Frauen in der Geschichtsschreibung nicht erwähnt, werden sie vergessen.“ Marie Rodet setzt ihnen damit zumindest ein Projektdenkmal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2009)

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