Die Entschlüsselung des „Großen Steuermanns“ Mao Zedong

An der Wiener Universität versammelten sich Mao-Biografen aus der ganzen Welt, um Ansätze zu diskutieren, wie man die Person des chinesischen Revolutionsführers neu durchleuchten könnte.

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(c) APA/AFP/FRED DUFOUR (FRED DUFOUR)

Wohl kaum je zuvor war auf diesem Globus an einem Platz so viel Wissen über einen der wichtigsten politischen Führer des 20. Jahrhunderts versammelt: Vergangenes Wochenende diskutierten in der Universität Wien einige der bedeutendsten Biografen des chinesischen Revolutionsführers Mao Zedong aus aller Welt über Wirken und historische Bedeutung des „Großen Steuermanns“.

Organisiert vom Institut für Ostasienwissenschaften der Uni Wien und dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Theorie und Geschichte der Biografie dachten die Teilnehmer der Tagung darüber nach, wie sich Mao durch bisher nicht verfolgte Ansätze neu entdecken, seine Persönlichkeit entschlüsseln ließe.

Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Ordinaria am Institut für Ostasienwissenschaften, die die Mao-Forscher zusammengetrommelt hat, geht es vor allem um eines: Die bisher publizierten Mao-Biografien sind vor allem auch Beschreibungen der Geschichte Chinas vom frühen 20. Jahrhundert bis zu Maos Tod 1976. Nie aber sei Mao bisher als Persönlichkeit durchleuchtet worden, nie hätten die Biografen bisher versucht, in seine Psyche und in sein Denken einzudringen. Weigelin-Schwierdzik regt deshalb dringend an, bisher nicht oder kaum beachtete persönliche Quellen in der Forschung zu berücksichtigen: Aufzeichnungen, Briefe, Gedichte und Kalligrafien.

Die Wiener Ordinaria provozierte ihre Kollegen aus aller Welt auch mit der Frage, ob eine Biografie denn tatsächlich eine klare Einschätzung der beschriebenen Person enthalten müsse. Die Antwort von Alexander Pantsow (Capital University Columbus, Ohio), der die jüngste große Mao-Biografie vorgelegt hat: „Historiker sollten nie Richter sein, sondern Erklärer.“

 

Der Leser soll selbst urteilen

Timothy Cheek (University of British Columbia, Vancouver) meinte, ein Biograf sollte die gesammelten Informationen ausbreiten und dem Leser dann selbst die Einschätzung überlassen. Und er sollte sein Subjekt mit Empathie, nicht mit Sympathie erforschen.

Gerade im Fall Maos gelte es auch, genau zu unterscheiden, was dessen gute Absichten gewesen sein mögen – und was dabei dann bei der Umsetzung in der Realität herausgekommen sei.

Felix Wemheuer (Universität Köln) scheute vor einer persönlichen Einschätzung der Person Maos nicht zurück. Seine Verdienste: Beendigung einer hundertjährigen Erniedrigung und halbkolonialen Knechtschaft Chinas; Aufbau eines starken Staates, der wieder zu einem geopolitischen Hauptakteur wurde; Verbesserung des Status der Frauen in der Gesellschaft und Aufbau eines Bildungs- und Gesundheitswesens. Auf der Negativseite sieht Wemheuer: das Gewaltverbrechen des „Großen Sprungs nach vorn“ mit Dutzenden Millionen Hungertoten; physische Ausschaltung von weiteren Millionen echten und imaginären Feinden; Aufbau eines bürokratischen Staates und einer Gesellschaft, in der die Bauern weiter am Rand und in großer Armut dahinvegetierten.

Helwig Schmidt-Glintzer (Universität Göttingen), der gerade dabei ist, eine Mao-Biografie zu verfassen, interessiert vor allem das intellektuelle Klima in China in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, das den späteren Revolutionsführer geformt hat. Er will dabei Maos politischer und auch psychologischer Entwicklung auf die Spur kommen. Und: „Ich will Mao zurück in den Kontext seiner Lebenszeit bringen und ihn nicht beschreiben, wie wir ihn im Rückblick betrachten.“ Diesem Ansatz sieht sich auch der russischstämmige China-Forscher Pantsow verpflichtet: „Um eine Person und ihr Wirken zu verstehen, müssen wir uns zurück in ihre Lebenszeit versetzten. Das Ziel ist, eine Person objektiv zu sehen und nicht, sie zu glorifizieren.“

Jin Chongji, Hauptverfasser der vom ZK der KP Chinas genehmigten offiziellen Mao-Biografie, die bei der Wiener Tagung einer fairen, aber durchaus kritischen Würdigung unterzogen wurde, erläuterte seinen Ansatz: „Es geht nicht darum, ob man über Mao etwas nicht schreiben kann oder nicht schreiben darf, sondern es geht darum, das damals Geschehene richtig zu erfassen und richtig zu bewerten.“

Weigelin-Schwiedrzik schließlich zur Frage, warum Biografien wie die von Mao stets auf großes Interesse stoßen: „Ist es nicht so, dass wir auch etwas über uns selbst suchen, wenn wir diese Lebensbeschreibungen studieren?“

LEXIKON

Biografieforschung. Auf Einladung des Instituts für Ostasienwissenschaften der Uni Wien (Susanne Weigelin-Schwiedrzik) und des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Theorie und Geschichte der Biografie (Wilhelm Hemecker) diskutierten Mao-Forscher und China-Experten aus aller Welt, welche Lücken es in der Beschreibung des chinesischen Revolutionsführers noch gibt. Aus den Beiträgen zu dieser Tagung soll ein zweibändiges Werk entstehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2016)

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