Dialekt: Die Sprache der Arbeiter, Handwerker, Bauern

Die Sammlung deutscher Lautdenkmäler, die Adolf Hitler als Geburtstagsgeschenk überreicht wurde, wurde nun digitalisiert. Sie ist ein sprachwissenschaftliches und zeitgeschichtliches Zeugnis der Zwischenkriegszeit.

Arbeiter, Handwerker und Bauern kamen in den Tondokumenten zu Wort. Oft lasen sie vorbereitete Texte.
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Arbeiter, Handwerker und Bauern kamen in den Tondokumenten zu Wort. Oft lasen sie vorbereitete Texte.
Arbeiter, Handwerker und Bauern kamen in den Tondokumenten zu Wort. Oft lasen sie vorbereitete Texte. – (c) Imagno/picturedesk.com

April 1938, ein Weinbauer aus Wien-Sievering unterhält sich mit einem Schreinermeister, er berichtet über die Lage seiner Rieden, über die ausgesetzten Rebsorten, über den Weinabsatz. Nebenbei fällt der Satz, dass „ma die Juden los san“ und das große Reich jetzt besser helfen könne als das arme Österreich. Und dass der nun erhältliche Kunstdünger gegen die ausgemergelten Böden eingesetzt werden könne.

Der Name des Winzers ist nicht bekannt, es geht auch nicht um seine Person, sondern um seine Sprache, vielmehr seinen Dialekt. Das Tondokument ist eine von rund 400 Aufnahmen, die gleichsam als Dialektatlas für das Deutsche Reich angefertigt wurden – insgesamt die älteste flächendeckende Erhebung zu den Dialekten der deutschen Sprache. Die nunmehr neue Edition, die erstmals komplett digitalisiert ist, wird von Christoph Purschke von der Universität Luxemburg geleitet, für den österreichischen Teil ist Jan Braun – Historiker, Linguist und seit 2013 Gastforscher an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften – zuständig.

Ausgangspunkt war das „Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten“, das der Reichsbund deutscher Beamter 1937 als Geburtstagsgeschenk für Adolf Hitler anfertigen ließ. 300 Tondokumente von jeweils ca. drei Minuten wurden innerhalb des Deutschen Reiches unter Leitung der Marburger Universität aufgenommen, nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 kamen 70 aus Österreich, nach der Einbeziehung des Sudetenlandes im September 1938 weitere 30 aus Böhmen und Mähren hinzu.

 

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Ambivalente Sicht der Dialekte

Das Verhältnis der Nationalsozialisten zu den Dialektformen war freilich ambivalent. Hitler selbst habe im „Mein Kampf“ die Sprache der Wiener als „Wiener Jargon“ abqualifiziert, erklärte Jan Braun kürzlich bei einem Vortrag im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. Nach der Überreichung des Geschenkes – zwei Monate nach Hitlers 48. Geburtstag – wurde die erste Sammlung der 300 Dialektbeispiele medial massiv ausgewertet.

„Es gab mehr als 600 Berichte in deutschen Zeitungen“, sagt Braun. Von der späteren Übergabe der 70 österreichischen Dialekte ist nichts bekannt, auch nicht von besonderen Medienreaktionen. Das Geburtstagsgeschenk bestand übrigens in einem eigens hergestellten Plattenschrank, der eben die 300 Schallplatten umfasste und an den aufklappbaren Seitenflügeln die jeweiligen Orte mit Lichtsignalen zeigte. Der Holzschrank, von dem Bildaufnahmen vorliegen, ist nicht erhalten.

Für Sprachwissenschaftler sind freilich in erster Linie die Dialekte von unschätzbarem Wert. Jan Braun rückt die gesamtwissenschaftliche Sicht seiner Arbeit in den Vordergrund, also die historisch-politische, wissenschaftliche und die linguistische Komponente. Eines stellt er sofort klar: „Die Annahme, dass Wissenschaftler im NS-Staat ausschließlich Pseudowissenschaftler waren, ist ad acta zu legen.“ Wissenschaftler ließen sich meist nicht instrumentalisieren, aber: „Sie haben sich selbst instrumentalisiert.“ Sprachenpolitik habe auch mit Geopolitik zu tun.

 

Bräuche, Sagen, Lokalkolorit

Die in den Tondokumenten zu Wort kommenden Personen waren Arbeiter, Handwerker und Bauern, also Leute aus einfacheren Berufsfeldern. Thematisch ging es um Handwerksbräuche, Sagen und Lokalkolorit. Oft kann man daraus schließen, dass die Texte gelesen wurden, also vorbereitet waren. Da es sich um ein Geschenk an Hitler handelte, tauchen Bezüge zum NS-Staat immer wieder auf. Der Bauer an der Nordsee freut sich im nord-niederdeutschen Dialekt über die erzielte Landgewinnung („bester Marschboden“), ein Hausmeister erzählt in mittelbairischer Mundart über eine Steinlawine und deren Beseitigung („Nun ja, der Führer hat es auch schon gesehen“), ein Landwirt aus Berstadt in Hessen äußert sich lobend über eine projektierte Bahnlinie.

Auch bei der Auswahl der Orte sind zeitgeschichtliche Anzeichen erkennbar. So sind Dokumente aus Grenzregionen des Deutschen Reiches etwas stärker vertreten, und in Österreich kommen gleich mehrere Einheimische aus Hitlers Geburtsstadt Braunau ins Tonarchiv. Da berichteten einige Augenzeugen über die Vorbereitungen und dann über den Jubel, als Hitler am 12. März 1938 in Braunau eintraf.

 

Viele Dialekte in Österreich

1938 wurden 70 Tondokumente aus Österreich aufgenommen – wie viele Dialekte gibt es heute tatsächlich? „Das hängt vom theoretischen Hintergrund bzw. vom Dialekt-Konzept ab, mit dem man die Sprache untersucht“, sagt der Germanist Manfred Glauninger von der Uni Wien, „in der ehemaligen Wörterbuchkanzlei sind jedenfalls sehr viele, auch kleinräumige, dokumentiert worden.“ In Deutschland habe die Dialektologie, so Glauninger, seit der Romantik einen besonderen Stellenwert.

Initiator der Forschungen an dem Lautdenkmal 1937/38 ist das Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas, Kooperationspartner sind die Österreichische Akademie der Wissenschaften mit ihrem Phonogrammarchiv und die Bayerische Akademie der Wissenschaften.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2016)

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