Hat denn auch das Tollwutvirus ein Recht auf Leben?

Menschen seien die vollkommensten Haustiere, erklärte Karl Sigmund; in dieser Rolle gefielen sich zumindest die satten Eliten, meinte Robert Pfaller. Wie ethisch sollen wir uns also nähren? "Fressen und gefressen werden" war Thema beim dritten Biologicum Almtal.

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Prof. Karl Sigmund – (c) Clemens Fabry

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Diesen Satz setzte Mathematiker Karl Sigmund an das Ende seines Vortrags. Er las ihn aber nicht streng im Sinn Bert Brechts, sondern als Motto einer kulinarischen Theorie der Menschwerdung: Das Kochen von Nahrung habe uns zu gemeinsamen Mahlzeiten zusammengeführt, bei denen die Beute geteilt werde. So habe der Herd die Idee der Gerechtigkeit gefördert – und dazu beigetragen, den Menschen zum „vollkommensten Haustier“ zu machen, wie Sigmund ihn nennt.

Der Mensch hat nicht nur Hund, Pferd, Schaf und Co., sondern auch sich selbst domestiziert: Für diesen von J. F. Blumenbach geprägten, später von Konrad Lorenz zur „Verhausschweinung“ verzerrten Gedanken sprechen die relative Zahmheit des Menschen – 300 Schimpansen in einem Flugzeug, das gäbe ein Blutbad – und seine späte Reife.

Auch Philosoph Robert Pfaller sprach von Menschen als Haustieren. Die heutigen Eliten, meint er, gefallen sich in dieser Rolle, als Tiere, die keine anderen fressen und damit die Guten sind. Das Raubtierhafte werde wie das Sexuelle als Bedrohung des Ich gefürchtet, das im Zentrum der narzisstischen Religion stehe. Deren Credo: Sei ganz du selbst!

So hat Pfaller pointenreich gegen den Trend zur Moral gepoltert, den er in den Eliten diagnostiziert. Der freilich von den wahren Problemen ablenke. Es sei Programm des Neoliberalismus, nur mehr die Schwächsten zu fördern: „So will heute jeder Opfer sein.“

Diese Haltung drückt sich wohl auch in der in der gebildeten Mittel- und Oberschicht verbreiteten Angst davor aus, dass das Essen immer ungesünder, ja: giftiger werde. Ernährungsphysiologin Hannelore Daniel hält nichts von solchen Sorgen. Auch nicht davon, sich bei jedem Einkauf Selbstvorwürfe zu machen: „Wir sollten uns einmal einfach freuen, dass wir in einer Welt leben, in der es so viel Auswahl an Schokolade, Käse, Wein und so weiter gibt! Es wird bedenklich, wenn Köche über Gesundheit reden. Schuhbeck (ein Münchner Starkoch, Anm.) verkauft jetzt schon Zellfitness-Kapseln.“ Und Biomilchreis? Was solle denn das sein? Das Gegenteil von abiotischem Milchreis? Ganz ähnlich wie Pfaller konstatiert Daniel: „Die Religion der Moderne ist Gesundheit.“

Ihr sanfter Spott – und ihre trockene Erklärung, man habe keinen Zusammenhang zwischen Bioernährung und Gesundheit gefunden – haben erfrischend gewirkt, natürlich auch provokant vor Zuhörern, von denen gewiss viele darauf achten, sich „bewusst“ gesund und ethisch korrekt zu ernähren. Die als Abendprogramm gebotene Verkostung von Produkten aus dem „schmecktakulären Almtal“ sprach freilich für einen dritten Trend: zur geradezu zwanghaften Betonung des Genusses. Überall ist von diesem die Rede, die Broschüre wird gar von einem „Genussbotschafter“ namens Mike Süsser präsentiert.

 

Carpaccio ja, aber nur bio

Zu kosten gab es durchaus auch Speck (natürlich vom Mangalitzaschwein), Carpaccio (vom Bio-Hochlandrind) und Tatar (Almtaler Rothirsch): Sonderlich intolerant sind die Vegetarier und Veganer offenbar nicht. Zumindest beim Biologicum. Dessen wissenschaftlicher Leiter, Kurt Kotrschal, gleich im ersten Vortrag darlegte, wie der Wettlauf zwischen Räubern und Beute die Evolution angetrieben hat, die Sinne geschärft, die Beine beschleunigt, das Hirn vergrößert hat.

Und jetzt wollen wir, Produkte dieses blutigen Rennens, dabei nicht mehr mitmachen? Völliger Ausstieg gehe nicht, meinten sowohl Physiologe Walter Arnold als auch Ethiker Herwig Grimm: „Wir machen uns auf jeden Fall die Hände schmutzig. Es gibt keinen Lebensstil, der unschuldig macht.“ Dass wir Hunde nicht essen, Schweine aber schon, könne man nicht mit utilitaristischer Moral à la Peter Singer erklären, sondern damit, dass wir Companion Animals als Personen behandeln. Wenn wirklich Vermeidung von Leiden unser oberster Ziel sei, müssten wir die Fleischfresser ausrotten.

Was das Leiden nicht aus der Welt schaffen würde. Pflanzen wehren sich mit Gift dagegen, gefressen zu werden; Parasiten und Krankheitserreger tun das Ihre. Die Tollwut habe einst den Bestand der Füchse reguliert, erklärte Arnold, und was geschah nach ihrer Ausrottung? Die von der Plage befreiten Füchse gefährdeten den Bestand an Rebhühnern. Und überhaupt: Hat nicht auch das Tollwutvirus ein Recht auf Leben? „Letztlich geht es um uns“, resümierte Arnold: „Den Anspruch, ,natürlich‘ zu leben, sollten wir am besten fallen lassen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2016)

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