Zurück zu den Anfängen!

Das Naturhistorische Museum zeigt "Wie alles begann. Von Galaxien, Quarks und Elektronen". Das Projekt reizt nicht nur mit Wissenschaft, sondern auch mit Kunst.

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(c) Kurt Kracher, NHM Wien

Dass in einem Naturkundemuseum Grillen zirpen, überrascht heute nicht weiter, bei der Präsentation ihrer Schätze sind die Häuser über die Zeit hinaus, in der endlose Reihen aufgespießter Insekten die Besucheraugen ermatteten. Aber was da im Naturhistorischen in Wien zirpt, hat man noch nie gehört: Der Künstler Hofstetter Kurt hat in Akustik umgesetzt, was man in Funkenkammern sehen kann. Das sind Detektoren, in denen Teilchen sich mit Lichtblitzen zeigen, und wann immer es blitzt, zirpt es nun auch.

Mit der Überraschung wird empfangen, wer die Sonderausstellung im NHM betritt – „Wie alles begann. Von Galaxien, Quarks und Elektronen“ –, sie führt vom Heute zurück zu den Ursprüngen, soweit man die kennt. Das hebt konventionell an, mit Zeittafeln („300 v. Chr. Aristoteles beweist die Kugelform der Erde“), Modellen von Teleskopen, Fotos von Galaxien. Aber es wird gebrochen von Kunst, NHM-Direktor Christian Köberl wollte „die Gehirnhälfte, mit der Wissenschaftler arbeiten, mit der anderen ergänzen“: Kaum hat sich das Ohr an das Zirpen gewöhnt, ist das Auge von einer Scheibe gefangen, auf der Barbara Imhof, Damjan Minovski und Eva Schlegel zu einer rasenden Videoreise durch das All einladen. Eben geht es an einem Schwarzen Loch vorbei, aber Schlegel beruhigt: „Wir fallen nicht hinein.“

Im nächsten Raum die nächste Überraschung: Ein Fernsehgerät aus den 60er-Jahren, das Bild rauscht. Das hat ausnahmsweise nichts mit Kunst zu tun, sondern mit Astrophysik: Ein paar Prozent des Rauschens, das man heute vor Augen hat, ist – fast – 13,8 Milliarden Jahre alt: kosmische Hintergrundstrahlung. Sie rauscht auch im Radio, dort bemerkte man sie: „Radioastrologen hatten ein so seltsames Signal, dass sie dachten, es wäre Taubendreck auf den Antennen“, erklärt Josef Pradler von Hephy, dem Institut für Hochenergiephysik und Mitveranstalter der Ausstellung. Es war kein Taubendreck, man war auf die frühesten Zeugen gestoßen, die Photonen, die frei wurden, als das Universum sich 380.000 Jahre nach dem Urknall so abgekühlt hatte, dass Licht aus dem heißen Chaos heraus konnte.

 

Hinter das Sichtbare zurück

„Sie verlassen nun das sichtbare Universum“, steht neben dem Fernsehgerät, man geht durch einen Vorhang aus Leinen – nicht ins Dunkel, sondern dorthin, wo man Licht in es bringen will, in die ersten 380.000 Jahre. Was da war, lässt sich nicht beobachten, ihm kann man sich nur experimentell nähern, mit den riesigen Beschleunigern der Teilchenphysiker. Der größte, der LHC beim Cern, hängt als Fototapete an der Wand, davor ist mit stilisierten Schuhsohlen ein „Selfie Point“ markiert. Aber man hat anderes zu tun, jetzt geigen interaktive Objekte auf, von ganz einfachen, die etwa zeigen, dass Materie einen kleinen Überhang über Antimaterie hatte, bis zu der Attraktion, an der sich die längsten Besucherschlangen bilden werden: „Hier können Sie mit Protonen Fußball spielen“, lädt Hephy-Chef Jochen Schieck ein und macht es vor: Im Boden ist ein fussballgroßes simuliertes Proton, man fährt mit dem Fuß darüber, und wenn man gut zielt, trifft man – in der Simulation fast mit Lichtgeschwindigkeit – in ein paar Metern Entfernung ein zweites.

Ein simulierter Detektor an der Wand zeigt, welche neuen Teilchen bei der Kollision entstehen. Man möchte trainieren, aber man muss hinaus, durch eine von drei Türen: „Big Rip“, „Big Crunch“, „Big Freeze“. Persönlich kann man wählen – aber wie das Universum irgendwann enden wird, ob es einfriert, zerreißt oder zusammenbricht, weiß niemand.

Naturhistorisches Museum: bis 1. Mai

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2016)

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