Sind Kakadus so klug wie Krähe Betty?

In der Wildnis benutzen die indonesischen Goffin-Kakadus keine Werkzeuge. Im niederösterreichischen Goffin Lab tun die neugierigen Tiere das doch. Vet-Med-Forscher wollen das Verhalten ergründen.

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Symbolbild – APA/AFP/MANAN VATSYAYANA

Was haben Menschen und Kakadus gemein? Eine weit ins Erwachsenenalter hineinreichende Neophilie, also eine Freude am Neuen. Sie spielen und erkunden nicht nur als Kinder gern. Diese Eigenschaft inspirierte die Kognitionsbiologin Alice Auersperg vom Messerli-Forschungsinstitut an der Vet-Med-Uni Wien dazu, die Innovationsfähigkeit von Kakadus näher zu untersuchen. Wie gut schaffen die Vögel es, neue Lösungen für ein bereits vorhandenes Problem zu finden oder eine alte Lösung auf ein neues Problem anzuwenden? Das Projekt „Technische Innovationsfähigkeit beim Goffin-Kakadu“ startete im September und wird bis August 2019 vom Forschungsförderungsfonds FWF unterstützt.

Auersperg setzt für ihre Versuche auf eine besondere Kakaduart: Die Goffins mit ihrem vorwiegend weißen Gefieder stammen von einer kleinen indonesischen Insel; mittlerweile lebt auch eine Population in Singapur – die Fähigkeit, sich in neuen Lebensräumen zu behaupten, spricht für die Flexibilität der Tiere. „Die generelle Intelligenz ist bei Goffins recht hoch. Sie sind ein bisschen wie ein offenes Programm. Das erlaubt ihnen, ungewöhnliche Probleme zu lösen, die sie in der Wildnis üblicherweise nicht antreffen“, sagt Auersperg.

Mit solchen werden die Tiere demnächst, gleich in der ersten Projektphase, konfrontiert – z. B. in einer Multi-Task-Arena. Dabei werden jedem der 15 Kakadus in der Gruppe mehrere kleine Aufgaben präsentiert. Löst er sie, erarbeitet er sich so mehrere kleine Belohnungen, etwa Cashewkerne. Die Forscher interessiert dabei, wie die Innovationsrate jedes Tieres ausfällt, das heißt, wie schnell es die gestellten Aufgaben bewältigt.

 

Nicht einmal Nester bauen sie

Andere Experimente drehen sich um den Werkzeuggebrauch der Kakadus. „Das ist deshalb so interessant“, sagt Auersperg, „weil Goffins nicht darauf spezialisiert sind, Werkzeuge zu bauen oder zu verwenden. Sie bauen nicht einmal Nester; das Biegen von Nistmaterial ist bei ihnen deshalb nicht veranlagt.“ Dennoch verwenden in Auerspergs Versuchsgruppe 13 Tiere Ball- oder Stockwerkzeuge. Sechs von ihnen bauen diese auch selbst, aus Holz und anderen Materialien. Auersperg: „Das sind gute Voraussetzungen um ,Hook Bending‘ zu zeigen.“

Mit dem Kunststück wurde die Neukaledonische Krähe Betty berühmt: Sie bog ein Stück Draht zu einem Haken, um die in einer Röhre versenkte Belohnung zu angeln. Krähen hätten für diese Art der Werkzeugherstellung eine Erbanlage, sagt Auersperg. Goffins nicht: Sie sind keine Spezialisten wie Krähen, sondern Generalisten. Deshalb wäre es bemerkenswert, würden sie auch Haken biegen.

Die Forscher um Auersperg wollen das herausfinden. Sie beziehen auch die Goffin-Kakadus in freier Wildbahn ein. Es ist geplant, einen Teil der anstehenden Experimente auch mit wild lebenden Vögeln durchzuführen: „Das ist eine Art Kontrolle für uns“, sagt Auersperg, „um zu überprüfen, ob die Tiere nicht vielleicht nur deshalb kooperieren, weil ihnen in Gefangenschaft langweilig ist.“

 

Die ängstliche Krähe

Dabei haben die Kakadus, die auch in ihrer Heimat in Gruppen oder Paaren leben, im Goldegg Goffin Lab eine 180-Quadratmeter-Voliere, sechs Meter hoch, zur Verfügung. „Und es gibt überall Beschäftigungsmaterial“ – allerdings sorgfältig ausgewähltes, um die Innovationsfähigkeit in den Experimenten nicht zu beeinträchtigen. „Aber ein Papagei ist trotzdem ein Papagei“, spielt Auersperg auf die eingangs erwähnte Neophilie der Tiere an.

Corviden, also Rabenvögel, seien normalerweise eher ängstliche Untersuchungsteilnehmer, die nur ungern ihre Gruppe verlassen. „Wenn wir einen Kakadu testen, haben wir das gegenteilige Problem, dass alle gleichzeitig in den Versuchsraum wollen. Kakadus sind, was unsere Versuche angeht, fast übermotiviert.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2016)

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