Warum diese seltsamen Monaden keine Fenster haben

Seelenatome als Bausteine der Welt? Die Monadenlehre von Leibniz ist keine esoterische Spekulation, sondern eine wissenschaftliche Hypothese auf der Höhe der Physik ihrer Zeit – wenn nicht gar der heutigen.

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Die Welt als Billardtisch – (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Mathias Mandl)

Stoß, Druck, Geschwindigkeit – die Welt als Billardtisch: Das neue Weltbild der Physik stellte die Philosophie des 17. Jahrhunderts vor ein großes Problem. Wenn sich alles durch die Mechanik kleinster Materieteile erklären lässt: Wo bleibt da noch Platz für Gedanken, Empfindungen, Gefühle? Descartes versuchte als Erster eine Antwort: Materie und Bewusstsein sind verschiedene Sphären. Warum aber hebt sich der Arm, wenn wir das wollen? Die Sphären müssen wechselwirken. Dazu brauchen sie ein „Interface“, und der französische Philosoph vermutete es in der Zirbeldrüse. Warum gerade dort? Weil man damals noch davon ausging, dass es diesen Teil des Gehirns nur beim Menschen gibt und er bei allen Tieren, die Descartes als reine Sachen sah, fehlt.

Diese Lösung musste aber verträglich mit der Physik sein. Die eben entdeckten, mathematisch formulierbaren Naturgesetze waren ein höchst metaphysisches Konzept: Gott hatte sie der Natur auferlegt. An ihnen zu rütteln, wäre also Gotteslästerung. Der Energieerhaltungssatz war damals bereits bekannt: Wenn zwei Teile elastisch aneinanderstoßen, bleibt die kinetische Energie in Summe gleich. Freilich ändert sich die Bewegungsrichtung der Teilchen – und darin sah Descartes den erlaubten Einfluss der Seele.

Zur Zeit von Leibniz war die Physik schon weiter, um den Impulserhaltungssatz: Auch die Richtungsänderung der Teilchen ist mechanisch determiniert. Leibniz versuchte deshalb einen neuen, radikalen Ansatz. Die selbstständigen Einheiten können nicht Materie sein, weil sich diese beliebig immer weiter teilen lässt. Die Welt ist vielmehr aus Monaden aufgebaut: aus Kraftzentren, ausdehnungslos, unteilbar und unzerstörbar. In ihrer höchsten Form, dem menschlichen Geist, sind sich Monaden ihrer selbst bewusst. Halbwach sind sie als Seelen, die er auch Tieren zuerkennt. Unbewusst schlummern sie in Steinen, die fallen, im Quecksilber, das auf Temperatur reagiert. Raum, Zeit, Materie sind hingegen nur Erscheinungen, ein Abbild der Monadenwelt. In ihm gelten streng die Naturgesetze, kausale Ursache und Wirkung. Die Monaden aber agieren nach ihren Zwecken, die von Gott programmiert und gesteuert werden. Damit trennt Leibniz, wie später Kant, die Naturwissenschaft sauber von der Philosophie. So will er beides bewahren, die Physik und die ganze ehrwürdige Metaphysik, von Aristoteles bis zu den Scholastikern.

 

Von der Materie bleibt nur Energie

Und das Leib-Seele-Problem? Zwischen Monaden gibt es keine kausale Wechselwirkung. Jede trägt die ganze Welt, alle Vergangenheit und Zukunft, schon in sich – freilich zum größten Teil unbewusst und aus ihrer je eigenen Perspektive. Sie brauchen also keinen Austausch: „Die Monaden haben keine Fenster.“ Warum aber hebt sich dann der Arm? Warum kränken wir uns, wenn uns jemand beleidigt? Weil Gott alles Geschehen in einer „präetablierten Harmonie“ koordiniert hat – wie bei Uhren, die nur deshalb exakt gleich laufen, weil sie von Anfang an gleich eingestellt wurden. Das mutet uns heute völlig abstrus an. Aber Leibniz hat auch das aktuelle, konträre Paradigma der Neurowissenschaft durchgespielt – und verworfen. Wenn wir einen rein mechanischen Geist als Maschine sehen, sie vergrößern und darin herumspazieren: Wir würden immer nur auf Materieteilchen treffen, die aufeinanderknallen, und nie auf einen Gedanken oder ein Gefühl. Die scheinbare Lösung löst nichts.

In gewisser Hinsicht spekulierte Leibniz sogar die moderne Elementarteilchenphysik voraus. Denn genau genommen sind Monaden nur ihrer inneren Form nach mathematische Punkte ohne Ausdehnung. Die Form verlangt nach Materie, einer Art physischen Hülle, die freilich infinitesimal klein ist. Das erlaubt auch Leibniz einen Übergangsbereich, freilich weniger simpel als die Zirbeldrüse: Wenn man Materie immer weiter teilt, bleibt am Ende nur noch Energie – was unserer heutigen vagen Vorstellung von Quarks und Strings ziemlich nahe kommt. (gau)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2016)

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