Helmut Jungwirth: „Der Forscher darf nicht wie ein Clown wirken“

Der Molekularbiologe und Science Buster Helmut Jungwirth wurde kürzlich zu Österreichs erstem Professor für Wissenschaftskommunikation berufen. Ein Gespräch über den Sinn von Vermittlung. Und darüber, wo der Unsinn beginnt.

„Erfolg in der Vermittlung seiner Forschung hat man nur dann, wenn man Grenzen auch einmal ein bisschen überschreitet“, sagt Helmut Jungwirt von der Uni Graz.
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„Erfolg in der Vermittlung seiner Forschung hat man nur dann, wenn man Grenzen auch einmal ein bisschen überschreitet“, sagt Helmut Jungwirt von der Uni Graz.
„Erfolg in der Vermittlung seiner Forschung hat man nur dann, wenn man Grenzen auch einmal ein bisschen überschreitet“, sagt Helmut Jungwirt von der Uni Graz. – ORF/Science Busters - Wer nichts weiß muss alles glauben

Die Presse: Darf man über Wissenschaft lachen oder schließen sich Spaß und ernsthafte Forschung aus?

Helmut Jungwirth: Natürlich darf man über Wissenschaft lachen. Man soll sogar. Der alljährlich vergebene IG-Nobelpreis [das Wortspiel Ignobel bedeutet unwürdig, Anm.] etwa zeichnet hoch qualifizierte Forschung aus, auf die die Wissenschaftler selbst einen schmunzelnden Blick haben. Heuer gewann etwa der Ägypter Ahmed Shafik. Er schaute sich an, welchen Einfluss Polyesterunterhosen auf die sexuelle Aktivität haben. Ein anderer Forscher hatte sich als Ziege verkleidet, um deren Verhalten zu studieren. Ich glaube, dass man den Blickwinkel auf die Wissenschaft dem Zeitgeist anpassen muss. Man muss die Vermittlung von Wissenschaft überdenken. Junge Menschen kann man mit todernster Wissenschaft sicher nicht faszinieren. Das geht am besten über Spaß und über Freude.


Sie halten gemeinsam mit dem Kabarettisten Martin Puntigam die Lehrveranstaltung „Science Busters. Der humoristische Zugang zur Wissenschaftskommunikation“. Wie wird diese wahrgenommen: als Lehrveranstaltung oder als Kabarettvormittag?

Das ist eine ernst zu nehmende Lehrveranstaltung. Wir stellen unterschiedliche Zugänge der Wissensvermittlung vor: Blogs, Podcasts und eben Wissenschaftskabarett. Um Themen einfach und verständlich darzulegen, gehen wir sie anders an.

 

Wo ist der Unterschied?

Wir Wissenschaftler sind es gewohnt, in Publikationen gleich eingangs im Abstract alles zu verraten. Und danach die einzelnen methodischen Aspekte aufzuschlüsseln. Die Dramaturgie eines Wissenschaftskabaretts funktioniert umgekehrt: Man versucht, die Spannung möglichst lang aufrecht zu halten und die Auflösung, also das Forschungsergebnis, erst zum Schluss zu bieten.

 

Was sollen die Studierenden dabei mitnehmen?

Es geht darum, ein ernstes Thema mit Spaß aufzulockern und es so zu vereinfachen, dass ich das Zielpublikum bis zur Auflösung dafür interessiere. Sonst verliert man das Publikum. Das lernen wir an einfachen Beispielen. Wir haben im vergangenen Semester etwa aus unterschiedlichen Publikationen jeweils ein Einminutenkabarett gemacht. Das ist derzeit ein Wahlfach, ursprünglich für die Naturwissenschaften. Aber wir haben es mittlerweile für alle Disziplinen geöffnet. Der Zuspruch ist riesig, meist können von 60 Interessenten nur 15 bis 20 teilnehmen.

 

Sollte Wissenschaftskommunikation verpflichtender Teil aller Curricula sein?

Das wäre schön. In meiner Studienzeit lernte man zwar, wie man ausführliche wissenschaftliche Publikationen verfasst. Nicht aber, wie man Inhalte einfach gestaltet.

 

Martin Puntigam sagt: Wenn Menschen Wissenschaft nicht mehr verstehen, halten sie diese auch nicht mehr für wichtig für unser Leben und unsere Gesellschaft. Warum ist Wissenschaftskommunikation für Sie wichtig?

Ich teile diese Ansicht. Dazu kommt, dass Unis aus öffentlicher Hand finanziert sind. Es ist ein Recht der Bevölkerung zu wissen, wohin das Geld geht. Außerdem kann Wissenschaftskommunikation mit Fakten manches ins rechte Licht rücken, wenn etwa soziale Medien Ängste und Vorurteile schüren. Wird Wissenschaftskommunikation im Studium geschult, bringt das auch Karrierevorteile: wenn ich etwa das Thema meiner Abschlussarbeit in einem Bewerbungsgespräch in einer Minute erklären soll. Autodidaktisch Wissenschaftskommunikation zu lernen ist schwer. Ich habe es selbst jahrelang probiert und bin dabei lang auch in der Familie gescheitert.

 

Man hört, die erste Lehrstunde in Wissenschaftskommunikation haben Sie über Ihren Vater bekommen . . .

Ja. Ich habe nach dem Studium an der Uni Tübingen gearbeitet. Wir haben eine super Publikation herausgebracht. Ich habe meinem Vater öfter erklärt, worum es geht, aber er hat das nie verstanden. Dann gab es einen kurzen Fernsehbeitrag über unsere Forschung. Zehn Minuten später hat mein Vater angerufen und gefragt, warum ich ihm das nicht so erklärt habe. Jetzt hätte es jetzt verstanden. Da wusste ich: Es liegt an mir. Ich habe auch die Lust verspürt, das, was ich erforsche, weiterzugeben.

 

Sie haben mit einem Erwin-Schrödinger-Stipendium in Deutschland geforscht. Was haben Sie von dort mitgenommen?

Zum einen einmal meine Ehefrau. Wir haben uns dort kennengelernt. Und die Beobachtung, dass Wissenschaft dort von den Studierenden mehr reflektiert und infrage gestellt wird. Bei uns glaubt man, jemand weiß etwas nicht, wenn er eine Frage stellt. Da ist uns in Österreich etwas verloren gegangen. In Deutschland wurde ich in Vorlesungen viel mehr seziert. Da haben die Studierenden immer wieder kritisch nachgefragt. Das beobachte ich jetzt auch an deutschen Studierenden in Österreich – und bei meiner Frau.

 

Wie sieht Ihr wissenschaftliches Umfeld das Engagement für die Wissenschaftskommunikation?

Super! Sie wollen alle Karten für die Science Busters haben.

 

Im Ernst: Noch vor wenigen Jahren war es wenig angesehen, sich der Öffentlichkeit anzubiedern. Hat sich da in den vergangenen Jahren ein Wandel vollzogen?

Ich habe nie versucht, die Kritiker der Wissenschaftskommunikation umzustimmen. Das ist vergebene Mühe. Ich versuche momentan eher, das mediale Interesse zu nutzen, um noch mehr Studierende zu gewinnen. Freilich wird das auch kontroversiell gesehen. Manche sagen, Wissenschaftskommunikatoren sind aus der Wissenschaft ausgeschieden, weil sie es dort zu nichts gebracht haben. Ich wurde auch einmal als Kindergartenpädagoge bezeichnet. Das hat mich aber eher geehrt. Tatsächlich hat man für die Forschung keine Zeit mehr, wenn man Wissenschaftskommunikation als Vollzeitjob macht.

 

Die Science Busters bezeichnen sich selbst als Mitglieder der „ungebrochen schärfsten Science-Boygroup der Milchstraße“. Wie weit soll ein Forscher gehen, um seine Inhalte hinüberzubringen?

Jeder sollte so weit gehen, wie er glaubt, dass er gehen kann und will. Ich bin eigentlich immer an Grenzen gegangen, die andere vielleicht früher erreichen. Bis zu einem gewissen Maß muss man auch polarisieren: Ich glaube, Erfolg in der Vermittlung seiner Forschung hat man nur dann, wenn man Grenzen auch einmal ein bisschen überschreitet. Wir sind übrigens keine Boygroup mehr, mit Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher ist mittlerweile auch eine Frau dabei.

 

Wo ist Ihre persönliche Grenze?

Humor ist wichtig im Kabarett, Wissenschaftler müssen aber letztlich noch als solche wahrgenommen werden und dürfen nicht ins Lächerliche gezogen werden. Wenn es so weit geht, dass der Forscher zum Clown wird, ist für mich die Grenze überschritten.

 

Wie kamen Sie zum Kabarett?

Martin Puntigam hat mich angeschrieben. Mein Part wäre eigentlich nur zehn Minuten lang gewesen. Als ich ein Dreivierteljahr später, im November 2015, auf dem Weg zu meinem ersten Auftritt war, rief er mich an und sagte mir, dass Heinz Oberhumer erkrankt sei. Er meinte, wir hätten zwei Möglichkeiten: „absagen – oder du machst die ganze Show.“ Nachdem ich als Streber ohnehin Programm für zwei Stunden vorbereitet hatte, spielten wir dann die ganze Show. Leider habe ich Heinz Oberhumer dann nie mehr kennengelernt.

 

Woher nimmt der Molekularbiologe den theoretischen Unterbau für eine Professur in Wissenschaftskommunikation?

Da bin ich Autodidakt. Es gibt viele Köche, die aus Leidenschaft zu ihrem Metier kommen und eigentlich etwas anderes gelernt haben. Ich komme aus der Praxis der Wissenschaftskommunikation. Auch da sind wir übrigens ziemlich schnell auf das Kochen gekommen: Dort passiert ja ganz viel Molekularbiologie. So lassen sich komplizierte Proteinentfaltungen ganz einfach erklären.

 

Und die Forschung?

Wir haben zunächst verschiedene Formate der Wissenschaftskommunikation an der Uni etabliert. Jetzt wollen wir hinterfragen, ob das, was wir machen, der richtige Weg ist. Wir starten dazu gerade ein Projekt. Bisher agieren Praxis und Theorie in der Wissenschaftskommunikation eher nebeneinander. Der nächste Schritt ist, beide zu verbinden.

 

Welchen abschließenden Tipp würden Sie Wissenschaftlern mitgeben, die ihre Forschung Laien vermitteln wollen?

Mehr zu kürzen, als sie kürzen würden. Ein großes Problem liegt in zu langen Texten, dadurch geht das Interesse des Publikums verloren.

ZUR PERSON

Helmut Jungwirth (47) ist Molekularbiologe, Mitglied der Science Busters und seit Oktober 2016 Österreichs erster Professor für Wissenschaftskommunikation. Der Grazer schlug zunächst den Weg des Forschers ein: Er promovierte 2001 an der Uni Graz und ging mit einem Erwin-Schrödinger-Stipendium des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF an die Uni Tübingen. Ab 2005 arbeitete als Senior Postdoc an der Med-Uni Wien, danach wechselte er an das Vienna Biocenter. Seit 2008 ist er wieder an der Uni Graz und wirkt dort u.a. als wissenschaftlicher Leiter der „Mitmachlabore Graz“. Bekanntheit erlangte v.a. als „Chefkoch“ der „Molekularen Küche“, in der Laien die Grundlagen der Molekularbiologie lernen. 2009 habilitierte er, 2010 wurde er assoziierter Universitätsprofessor. 2011 übernahm er die geschäftsführende Leitung des Zentrums für Gesellschaft, Wissen und Kommunikation, der sogenannten 7. Fakultät. Dort entwickelte er neue Formate der Wissenschaftsvermittlung mit, etwa eine Veranstaltungsreihe zum „Bewegten Körper“ oder den „Wissensdurst“, eine Wissenschaftsviertelstunde im Pub.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2016)

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