Ein Monitoring für die österreichische Demokratie

Wahlforschung. Die Österreicher wählen heute nicht mehr nur eine Partei, sondern lassen sich von Themen leiten, die die Kandidaten vertreten. Forscher haben Nationalrats- und EU-Parlamentswahlen wissenschaftlich begleitet.

THEMENBILD: BP-WAHL /  BUNDESPR�SIDENT
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THEMENBILD: BP-WAHL /  BUNDESPR�SIDENT
(c) APA/BARBARA GINDL

„Demokratie ist ein komplexes Zusammenspiel vieler Akteure“, sagt Sylvia Kritzinger von der Universität Wien. Daher liegt der Fokus ihrer Forschung auch nicht auf Präsidentschaftswahlen, bei denen verstärkt Einzelpersonen im Mittelpunkt stehen. Die Sozialwissenschaftlerin interessiert vielmehr, wie politische Parteien, Medien und Wähler zusammenspielen. Sie leitete sieben Jahre lang Studien zum Wahlverhalten, ein Teilprojekt des Nationalen Forschungsnetzwerks Autnes (siehe Lexikon). Darin untersuchten Forscher das Wahlverhalten der Österreicher bei Nationalrats- und EU-Parlamentswahlen seit dem Jahr 2008.

Was hat sich in dieser Zeit geändert? Soziodemografische Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildungsstand und Beruf würden noch immer ein gutes Sensorium dafür bieten, wie jemand wählt, sagt Kritzinger. Früher seien Wahlausgänge dennoch viel vorhersehbarer gewesen. Denn die Bauern, die Arbeiter oder die Unternehmer wussten, für wen sie stimmen. Als die Mittelklasse seit den 1970er-Jahren wuchs, lösten sich die Menschen von ideologischen Mustern, aus Stammwählern wurden Wechselwähler, die klassischen Parteien gerieten unter Druck.

 

Am Marktplatz der Themen

Zugleich wurden sogenannte Issues, also konkrete Themen, an denen sich die Menschen orientieren, immer wichtiger. Wohlfahrtsstaat, Arbeitsplätze, Migration und Integration blieben dabei stets auf der politischen Agenda. Darauf reagierten auch die politischen Spin Doktoren. Issue Management avancierte zum PR–Schlagwort, mit dem Parteien Themen gezielt zu besetzen versuchen.

Der Wahlkampf entwickelte sich immer mehr zu einem Marktplatz an Themenangeboten: Man fühlt sich keiner Partei mehr verpflichtet, sondern wägt ab, welche die eigenen Interessen in zentralen Punkten am besten vertritt. In der Autnes-Studie wurden die Parteien und ihre Kandidaten als Angebotsseite, die Wähler als Nachfrageseite betrachtet. Die Medien sahen die Forscher als Vermittler, die die thematische Agenda aber auch aktiv mitgestalten. „Wir waren die ersten, die sich Wahlen in dieser Breite angeschaut haben“, sagt Kritzinger.

Die Forscher nutzten für die Untersuchung sozialwissenschaftliche Werkzeuge wie Inhaltsanalysen, bei denen Texte zunächst manuell, später auch automatisiert ausgewertet wurden, oder Befragungen, die vor, während und nach einer Wahl durchgeführt wurden.

So entstand ein Monitoring der österreichischen Demokratie, in dem sich der gesellschaftliche Wandel über einen langen Zeitraum beobachten lässt. Während Meinungsforscher meist im Auftrag politischer Parteien agieren und rasch Ergebnisse brauchen, zeichneten die Forscher ein unabhängiges und detailliertes Bild der Realität. Das Projekt ist kürzlich ausgelaufen, nun hoffen sie auf weitere Finanzierung. Denn um Veränderungen zu verstehen, brauche es Kontinuität, sagt Kritzinger.

Gibt es eine Prognose für die nächsten Wahlen? „Das ist nicht Fokus der akademischen Wahlforschung. Uns interessiert vielmehr, wie es zu Veränderungen kommt“ , so Kritzinger. Allen, die dieses Interesse teilen, stehen die Daten übrigens auf www.autnes.at frei zur Verfügung – etwa anderen Wissenschaftlern wie auch politischen Parteien und ihren Beratern.

LEXIKON

Autnes (Austrian National Election Study), die Österreichische Nationale Wahlstudie, startete 2009. Im vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Forschungsnetzwerk kooperierten Kommunikationswissenschaftler um Sylvia Kritzinger, Wolfgang Müller und Hajo Boomgaarden. Sie entwickelten ein Modell, in dem nicht nur die Wähler betrachtet werden; die Forscher interessiert das Wechselspiel von politischen Parteien, Wählern und Medien. Das Projekt endete im Sommer, nun bemühen sich die Forscher um eine Verlängerung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2016)

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