Die Wiener holen sich den Heldenplatz zurück

Wiener Linguisten sind auf der Suche nach dem „echten Österreicher“, dem Homo austriacus: Aus Print, Fernsehen, Radio, Internet und Gesprächen mit Menschen erkennen sie den Wandel von Begriffen im Laufe der Zeit.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der längste Wahlkampf der Geschichte, der am Sonntag seinen Abschluss fand, geht auch in die Forschung ein. Ein Team von Linguisten um Ruth Wodak und Rudolf de Cillia (mit dabei Post-Doc Markus Rheindorf und Dissertantin Sabine Lehner) von der Uni Wien erarbeitet in einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF die Meinungen zu und Definitionen von Begriffen wie Heimat, Österreich, Nation und Identität. „Zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identität/en 2015“ lautet der Titel – „Die Konstruktion des Homo austriacus, des echten Österreichers“ der inoffizielle Untertitel. Wodak betont, dass die Längsschnittstudie weltweit einzigartig ist: Immerhin führte ihr Team diese schon 1995 und 2005 durch, sodass erstmals ein Vergleich der Diskussionen und Debatten in den vergangenen 20 Jahren möglich ist. Auch unsere Sprache, der Einsatz des österreichischen Deutschs, wird hier beleuchtet.

„Der Präsidentschaftswahlkampf 2016 fällt zwar nicht in den Untersuchungszeitraum: Aber so viele Dinge, die wir analysieren, wie den Heimatbegriff, wurden stark diskutiert“, erklärt Wodak: „Wem gehört unsere Heimat, was ist der echte Österreicher?“ Die Debatten begannen schon 2015, und die Linguisten bemerkten einen Umschwung: „Während vor zehn Jahren der Begriff Heimat für progressive, weltoffene Leute noch negativ besetzt war, haben sich diese Leute den Begriff zurückgeholt und wollen ,Heimat‘ nicht mehr dem konservativen, rechtspopulistischen bis rechtsextremen Teil der Gesellschaft überlassen.“

 

Identität im Wandel der Zeit

Einen ähnlichen Wandel erlebte der Heldenplatz, wenn es um die Identität der Österreicher geht: In früheren Studien wurden Meinungen zu dem Platz vor der Hofburg noch mit dem Dollfuß-Begräbnis in der Ersten Republik, mit Adolf Hitler, der sich auf dem Balkon feiern ließ, und dem Diskurs nach Thomas Bernhards Skandalstück Ende der 1980er-Jahre, bis zu Totengedenken der Burschenschaften in Zusammenhang gebracht. „Doch spätestens seit dem Fest der Freude, das mit Symphonie und Bundespräsidenten den Tag der Befreiung feiert, haben die Wiener diesen Platz zurückgewonnen“, sagt Wodak. Der Begriff Heldenplatz wurde umdefiniert, ohne zu vergessen, in welcher Weise er in der Vergangenheit benutzt wurde.

Mit Vergangenheit und Gegenwart beschäftigt sich das Projekt sehr intensiv. „Wie die Geschichte Österreichs offiziell erzählt wird, zeigt sich besonders an Gedenktagen“, so Wodak. Derer gab es 2015 viele: 20 Jahre EU-Beitritt, 60 Jahre Staatsvertrag, 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs, 70 Jahre Befreiung von Auschwitz und Mauthausen etc. „Im Vergleich zu 1995 und 2005 wird dieser Teil der Geschichte nicht mehr vorwiegend als eine Stunde null verstanden. 2005 wurden die Jahre 1938 bis 1945 noch als ,Katastrophe und Albtraum‘ gesehen; z. B. sprach Wolfgang Schüssel über Österreich nach 1945 wie über ein ,unschuldiges Kind‘, das neu geboren wurde.“ 2015 flossen in die Reden der Politiker erstmals historische Forschungen ein, die die Verbrechen der Endphase des Krieges in Österreich aufzeigen. „Neu ist, dass historische Verantwortung für Vernichtungslager und den Holocaust übernommen wird“, sagt Wodak. Etwa, als Bundespräsident Heinz Fischer 2015 die Frage, ob Auschwitz zur österreichischen Identität gehöre, bejahte.

Auch die Themen Migration und Integration sind ein Schwerpunkt in dem Projekt: „In der ganzen Nachkriegsgeschichte gab es noch nie so eine Debatte über Asyl und Grenzen, wie sie jetzt geführt wird“, sagt Wodak. Frühere Flüchtlingswellen lösten weniger Diskurse darüber, wer hereindarf und was Fremde sollen und dürfen, aus. „Unsere Analyse zeichnet die ganze Entwicklung nach: von der Willkommenskultur bis zur Ablehnungskultur, die 2016 mit der Festlegung der Obergrenze gipfelte.“

 

Conchita Wurst versus Gabalier

Ebenfalls im Wandel, fanden die Forscher, ist die Geschlechterpolitik: Denn so diametrale Rollenbilder wie sie Conchita Wurst und Andreas Gabalier transportieren, rückten erst jetzt in den Vordergrund. Für Jugendliche stehen mit diesen Popstars, die völlig entgegengesetzte Bilder verkörpern, neue Optionen als Identifikation oder Reibefläche offen.

In der Längsschnittstudie ist erstmals auch ein Schwerpunkt über soziale Medien dabei: Dazu analysieren die Forscher Aussagen auf Facebook, Twitter und Kommentarfunktionen von Medienportalen. Was man darin über den Wandel der Identitätskonstruktionen der Österreicher erfährt, wollen die Linguisten im kommenden Jahr präsentieren.

LEXIKON

Eine Längsschnittstudie untersucht Wandlungsprozesse im sozialen oder individuellen Kontext. Das FWF-Projekt analysiert Medienereignisse von 2015 im Vergleich mit Ergebnissen aus 1995 und 2005: z. B. in Beiträgen aus Zeitungen, Magazinen, Fernsehen, Radio und sozialen Online-Medien. Politikerreden wurden transkribiert – und Interviews mit bekannten Persönlichkeiten und normalen Bürgern. Zudem erheben die Forscher in Gruppendiskussionen mit Leuten unterschiedlicher Herkunft, Alter und Bildungsstand Einstellungen und Begriffsdefinitionen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2016)

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